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Musikfest Berlin

24.8. bis 17.9.2024

Das Musikfest Berlin versteht sich als ein Forum für die innovative künstlerische Arbeit der großen Orchester und Ensembles im Bereich der klassischen und modernen Musik. Es präsentiert ein ambitioniertes Festivalprogramm mit wechselnden Schwerpunkten.

Das Orchesterfestival der Berliner Festspiele – veranstaltet in Kooperation mit der Stiftung Berliner Philharmoniker – bildet jeweils im Spätsommer den spektakulären Auftakt der Berliner Konzertsaison. Internationale Spitzenorchester, Instrumental- und Vokalensembles präsentieren gemeinsam mit den großen Symphonieorchestern der Stadt Berlin ein ambitioniertes Festivalprogramm mit jeweils wechselnden thematischen Schwerpunkten.

Das Orchester gehört – neben Oper, Theater und Kino – zu den komplexesten, größten und vielgestaltigsten „Maschinen“, die die abendländische Kultur zur Herstellung von Vorstellungen und Emotionen hervorgebracht hat. Die Vielfalt der heute bestehenden Orchesterformationen hat sich unter dem Einfluss der modernen Technologien und in Kenntnis der historischen Aufführungspraxen wesentlich erweitert. Das rund dreiwöchige Festival widmet sich daher nicht nur dem symphonischen Repertoire, sondern insbesondere den bedeutenden, raren, vergessenen, ungewöhnlichen und neuen Werken aus Geschichte und Gegenwart. Das Musikfest Berlin versteht sich als ein Forum für die innovative künstlerische Arbeit der großen Orchester und Ensembles des internationalen Musiklebens.

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Philharmoniker.

Kontakt

Musikfest Berlin
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
D-10719 Berlin

Telefon: +49 (0)30 254 89-244
Fax: +49 (0)30 254 89-111
E-Mail: musikfest@berlinerfestspiele.de

Bewertungschronik

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Bewertungen & Berichte Musikfest Berlin

© paulisson miura (CC BY 2.0)
Konzert

São Paulo Symphony Orchestra

Eröffnungstag: 1. Konzert

Hilary Hahn – Violine
São Paulo Symphony Orchestra
Thierry Fischer – Leitung


Charles Ives (1874 – 1954): Central Park in the Dark (ca. 1909, rev. ca. 1936) für kleines Orchester
Alberto Ginastera (1916 – 1983): Violin Concerto op. 30 (1963)
Heitor Villa-Lobos (1887 – 1959): Uirapuru (1917 – 34)
Edgard Varèse (1883 – 1953): Amériques (1918 – 21, rev. 1927) für Orchester

Im Eröffnungskonzert zeigt das São Paulo Symphony Orchestra unter Thierry Fischer die große Bandbreite der Kunstmusik der Amerikas: Charles Ives erweckt den New Yorker Central Park zum Leben, Heitor Villa-Lobos die Klangwelten südamerikanischer Rhythmik. Das Violinkonzert des Argentiniers Alberto Ginastera wird von Hilary Hahn spektakulär interpretiert. Und mit Edgard Varèses „Amériques“ findet die Utopie des unendlichen Raumes spektakulär klangliche Form.

Naturlaut trifft auf Großstadtsound: Charles Ives wollte in „Central Park in the Dark” (1906) ein „Tonbild von Naturklängen“ schaffen, die man „vor etwa dreißig Jahren […] wahrnehmen konnte, wenn man an einem heißen Sommerabend auf einer Bank im Central Park saß“ – inklusive einer Ragtime-Battle zweier Pianolas, die von einem nahegelegenen Wohnblock herüberklingen, und einer durch die Szenerie laufenden Kapelle. Drei Jahrzehnte später erlebte auch Brasilien eine erste Urbanisierungswelle. Ein Soundtrack: Heitor Villa-Lobos’ schillernde Symphonische Dichtung „Uirapuru“, in der er die Wende zu einem nationalen Musikstil vollzog, der von der Volksmusik sowie den Sagen und Legenden seiner Heimat inspiriert wurde. Aufsehenerregend: die umfangreiche und ungewöhnliche Instrumentierung samt Violinophon, einer Geige mit metallenem Schalltrichter, und einem breiten Arsenal von südamerikanischen Percussion-Instrumenten. Neben diesen beiden Werken hat das von Chefdirigent Thierry Fischer geleitete São Paulo Symphony Orchestra Alberto Ginasteras kompromisslos modernes, farben- und facettenreiches Violinkonzert aufs Programm gesetzt. Der Solopart nicht nur des wilden Perpetuum-mobile-Finales ist nur so gespickt mit geigerischen Teufeleien, was ein spektakuläres Hörabenteuer garantiert – gespielt von Hilary Hahn, die als mehrfache Grammy-Gewinnerin derartige Drahtseilakte souverän zu bewältigen weiß. Den Schlussakt bildet ein ikonisches Werk der Neuen Musik, das zugleich den Weg in diese Ausgabe des Festivals weist: Edgard Varèses „Amériques“ findet musikalische Formen für die Utopien des weiten Raumes, den die nach dem Krieg zerstückelte, noch immer bleischwere Alte Welt im Westen vermutet.

17:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© ClassicStock / Alamy Stock Foto
Konzert

São Paulo Big Band

Eröffnungstag: 2. Konzert

São Paulo Big Band
Thierry Fischer – Leitung


Werke/Arrangements von:
Nelson Ayres, Nailor Azevedo, Ary Barroso, Guilherme de Brito, Cartola (Angenor de Oliveira), Nelson Cavaquinho, Dorival Caymmi, Tiago Costa, Eumir Deodato, Dominguinhos (José Domingos de Morais), Ruriá Duprat, Glorinha Gadelha, Gilberto Gil, Egberto Gismonti, Tom (Antônio Carlos) Jobim, Benedito Lacerda, Pixinguinha (Alfredo da Rocha Vianna Filho), Milton Nascimento, César Camargo Maraino, Elton Medeiros, Andre Mehmari, Moraes Moreira, Luiz Arruda Paes, Hermeto Pascoal, Fabio Prado, Sivuca (Severino Dias de Oliveira), Caetano Veloso

Die „música popular“ Brasiliens ist mehr als Bossa und Samba: In den Arrangements der São Paulo Big Band begegnen sich europäische Harmonien, synkopierte afrikanische Rhythmen und Stücke international bekannter Namen wie Caetano Veloso und Hermeto Pascoal.

Sie spiegelt das Lebensgefühl einer ganzen Nation: Die „música popular“, die mit ihren komplexen Rhythmen überall und immer in Brasilien zu hören ist. Ein Tanz wie der Frevo aus Pernambuco etwa, der während der Straßenparaden im Karneval niemals fehlen darf und seit 2012 zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO zählt, ist aus dem südamerikanischen Land nicht mehr wegzudenken. Gleiches gilt für typische Tänze aus dem Süden wie Chimarrita und Fandango, wobei der Samba, der ab den 1930er Jahren zum Nationalsymbol schlechthin avancierte, das wohl bekannteste Aushängeschild Brasiliens ist. Die São Paulo Big Band hat sich zum Ziel gesetzt, die große musikalische Vielfalt brasilianischer und lateinamerikanischer Rhythmen in ausgefeilten Big-Band-Arrangements in die ganze Welt zu tragen. Dabei scheint das facettenreiche Repertoire dieses mit Saxophonen, Posaunen, Trompeten, Klavier, Gitarre, Kontrabass, Percussion und Schlagzeug traditionell besetzten Ensembles unerschöpflich zu sein – mit Sambas von Dorival Caymmi und Ary Barroso, Frevos von Nelson Cavaquinho, Bossa Novas von Antônio Carlos Jobim und vielen, vielen anderen. Besonderer Höhepunkt: die Choros von Pixinguinha und Benedito Lacerda, in denen sich europäische Harmonien raffiniert mit synkopierten afrikanischen Rhythmen mischen und dem Ganzen einen Hauch von Melancholie verleihen.

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© Arnold Schönberg Center, Wien
Konzert

Soirée der Moderne

Charles Ives meets Arnold Schönberg

Georg Nigl – Bariton
N.N. – Sopran
Michael Rotschopf – Rezitator und Conférencier
Stefan Litwin – Klavier

Eliot Quartett
Maryana Osipova – Violine
Alexander Sachs – Violine
Dmitry Hahalin – Viola
Michael Preuss – Violoncello


Ein musikalisch-literarisches Programm, zusammengestellt von Stefan Litwin, mit Liedern, Instrumentalstücken, Auszügen aus Werkzyklen, sowie aus Schriften, Briefen und Tagebüchern von:

Arnold Schönberg (1874 – 1951)
u.a. mit Liedern aus dem Buch der hängenden Gärten op. 15, Balladen, Klavierstücken,
der Ode to Napoleon op. 41, und dem Petrarca Sonett (aus op. 24)

Charles Ives (1874 – 1954)
u.a. mit Liedern aus der Sammlung „114 Songs“, Klaviermusik und Kompositionen für Klavierquintett

Ives meets Schönberg: Charles Ives und Arnold Schönberg sind sich nie persönlich begegnet, haben aber sehr wohl voneinander gewusst. Ein Abend mit Liedern, Klavier- und Kammermusik sowie originären Texten der im selben Jahr in unterschiedlichen Kulturkreisen geborenen Komponisten bringt sie gewissermaßen miteinander ins Gespräch. Die Montage verspricht, Einblick zu geben in das Denken zweier Begründer der Neuen Musik, die unabhängig voneinander ähnliche Wege einschlugen und radikal neue musikalische Ausdrucksformen schufen. Dabei wird ein weiter Bogen gespannt von rein ästhetischen Überlegungen über Ausflüge in die Unterhaltungsmusik bis hin zu offenen politischen Glaubensbekenntnissen, die auch heute noch als Zeugnisse individueller Reaktion auf die Weltkriege des 20. Jahrhunderts beeindrucken.

Doppeljubiläum: Zum 150. Geburtstag feiert die von Stefan Litwin konzipierte „Soiree der Moderne“ Charles Ives und Arnold Schönberg, die beide 1874 geboren wurden – mit einem dramaturgisch quasi durchkomponierten musikalisch-literarischen Programm. Auf dem Programm, durch das der österreichische Schauspieler Michael Rotschopf als Conférencier führt, stehen neben ausgewählten Liedern und Instrumentalstücken auch Auszüge aus Schriften, Briefen und Tagebüchern beider Komponisten, die – der eine in Europa, der andere in den USA – Bahnbrechendes zur musikalischen Moderne beigetragen haben. Lieder aus Ives’ Sammlung „114 Songs“ treffen auf eine Auswahl aus Schönbergs „Buch der hängenden Gärten“ op. 15. Neben diversen Klavierwerken und Kompositionen für Klavierquintett (mit dem Frankfurter Eliot Quartett) erklingt zudem Schönbergs „Ode to Napoleon Buonaparte” op. 41, bei der es sich entgegen des ironischen Titels um eine Glorifizierung George Washingtons handelt, der zum fiktiven Gegenspieler Napoleons wird: ein klingender Protest gegen den Krieg, die Tyrannei und die nationalsozialistischen Verbrechen.

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© The Cleveland Orchestra
Konzert

The Cleveland Orchestra

The Cleveland Orchestra
Franz Welser-Möst – Leitung


Allison Loggins-Hull (*1982): Can you see? (2023)
John Adams (*1947): Guide to strange places (2001)
Sergej Prokofjew (1891 – 1953): Sinfonie Nr. 2 d-Moll op. 40 (1925)

Das „europäischste“ der amerikanischen „Big Five“-Orchester reist unter seinem Chefdirigenten Franz Welser-Möst musikalisch zwischen den Kontinenten: John Adams lässt sich in Amerika von Besonderheiten der Provence inspirieren und Sergej Prokofjew in Paris von Amerikas industriellen Landschaften – zu seiner gewaltigen Zweiten Symphonie.

Virtuosität, Klang, Eleganz, Farbvielfalt: Das Cleveland Orchestra gehört zu den „Big Five“ der US-Orchester – auch unter der Leitung von Franz Welser-Möst hat es diesen Rang mit unverwechselbarer Klangkultur und der präzisen Raffinesse seines Spiels weiter entfaltet. In Berlin präsentiert das traditionsreiche Ensemble unter Leitung seines langjährigen Musikdirektors das Orchesterstück „Can you see?“ der US-amerikanischen Komponistin und Flötistin Allison Loggins-Hull: eine düstere Reflexion über das „Star Spangled Banner“, die offizielle Nationalhymne der USA, in der Amerika als „Land der Freien“ gefeiert wird – obwohl seine Geschichte „in Kolonialismus, Sklaverei und Gewalt verwurzelt ist“, wie die Komponistin sagt. Farbenreich und voller Energie gibt sich anschließend John Adams’ „Guide to strange places“, das durch einen französischen Reiseführer inspiriert wurde, der sonderbare Informationen über die Provence enthielt: „Beim Schreiben schwebten mir Komponisten wie Berlioz oder Mussorgsky vor, und sogar ein Stück wie ‚Der Zauberlehrling‘ hatte ich im Kopf. – Stücke also, die sehr farbig sind und etwas ‚Fantastisches‘ haben“, kommentiert Adams. Zum Finale übernehmen dann Klanggewalten, wenn die „kubistische“ Zweite Symphonie von Sergej Prokofjew gespielt wird. Entstanden nach einem USA-Besuch in Paris, zeichnet sie ein brachial-erhabenes Klangfresko aus „Eisen und Stahl“ (Prokofjew), das in seinem maschinenhaften Furor Teile von Alexander Mosolows futuristischer „Eisengießerei“ vorwegnimmt.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Collegium Vocale Gent

Et in Arcadia Ego

Miriam Allan – Sopran
Barbora Kabatková – Sopran
Mélodie Ruvio – Alt
Benedict Hymas – Tenor
Tore Tom Denys – Tenor
Jimmy Holliday – Bass

Sophie Gent – Violine
Sonoko Asabuki – Violine
Ageet Zweistra – Viola
Jonas Nordberg – Laute
Maude Gratton – Cembalo
Lambert Colson – Cornett
Bart Vroomen – Posaune

Collegium Vocale Gent
Philippe Herreweghe – Leitung


Et in Arcadia Ego
Italienische Madrigale/polyphone Musik des 16. Jahrhunderts
Intro:
Salomone Rossi (1570 – 1630): Sinfonia a5
Giovanni Gastoldi (1550 – 1609): Concerto de Pastori
Trennung:
Salomone Rossi:
Sinfonia grave a5
Udite, lagrimosi spirti
Luca Marenzio (1553 – 1599): Stillo lanima in Pianto
Salomone Rossi: Sinfonia quinta
Claudio Monteverdi (1567 – 1643): Ah, dolente partita
Intimität:
Salomone Rossi:
Gagliarda a 5 detta Narciso
Corrente Seconda
Brando primo
Sigismondo d'India (1582 – 1629): Dialogo della Rosa
Salomone Rossi: Sinfonia Undecima (Echo)
Luca Marenzio: Deh Tirsi mio gentil
Claudio Monteverdi: Dolcemente dormiva
Luca Marenzio: Al lume delle stelle
Tod:
Salomone Rossi: Sinfonia Seconda
Giaches de Wert (1535 – 1596): Tirsi morir volea
Salomone Rossi: Tirsi mio, caro Tirsi
Luca Marenzio: Nel dolce seno
Marenzio/Bassano/Philips: Tirsi morir volea
Wiedervereinigung der Liebenden:
Claudio Monteverdi: Tirsi e Clori

Arkadien, das Land ewigen Sonnenscheins, ungetrübten Glücks – und doch trifft der Tod auch jene, die dort wandeln. Ein musikalisches Memento mori: In einem bewegenden Vokalprogramm unter der Leitung von Philippe Herreweghe erkundet das Collegium Vocale Gent die Klangwelten von ausgehender Renaissance und frühem Barock.

„Et in arcadia ego“: Auch ich war in Arkadien – als Graffiti auf einem Mauersockel, darauf ein Totenschädel und davor zwei Hirten, denselben in kontemplativem Grauen betrachtend, so taucht die bekannte Phrase zum ersten Mal in der Bildenden Kunst auf, in einem Gemälde des Barockmalers Guercino. Ein Memento mori, das den Betrachter*innen in aller Deutlichkeit vor Augen führt, dass selbst in Arkadien der Tod das letzte Wort hat. Unter dem Motto „Et in arcadia ego” widmen sich Philippe Herreweghe und sein brillantes Collegium Vocale Gent einem abwechslungsreichen Vokalprogramm, bei dem italienische Madrigale, Motetten und Canzonetten des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts in den Fokus rücken. Zu hören sind unter anderem Werke vom Renaissance-Meister Luca Marenzio, den die Zeitgenossen als „Italiens süßesten Schwan“ verehrten – aufgrund seiner besonders anmutigen Madrigalkompositionen, in denen er die vertonten Texte apart in tönende Formen zu übertragen wusste. Natürlich ist auch die Musik von Marenzinos Zeitgenossen Claudio Monteverdi vertreten, der großen Anteil daran hatte, dass Madrigale als leidenschaftliche Klangrede über die Freuden und Leiden der Liebe, das Leben und den Tod Ende des 16. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten. Besonderer Höhepunkt: die Werke Salomone Rossis, der für die Synagoge eine ähnliche Musik schaffen wollte, wie sie der venezianische Kapellmeister Monteverdi im Markusdom aufführte. 1622 erschien die Sammlung „Hashirim asher lish’lomo” (Gesänge Salomons) mit hebräischen Psalmen, Hymnen und Gebeten in der kunstvollen italienischen Mehrstimmigkeit der Epoche: damals eine historische Pionierleistung, heute eine echte musikalische Neuentdeckung!

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Diskussion

„Quartett der Kritiker“

Kai Luehrs-Kaiser, freier Publizist
Joachim Mischke, Hamburger Abendblatt
Yvonne Petitpierre, freie Publizistin
Albrecht Thiemann, freier Publizist

Olaf Wilhelmer, Moderation


Moderiert von Olaf Wilhelmer, diskutieren auch in diesem Jahr vier Kritiker*innen über ein zentrales Werk: 2024 ist es die 3. Sinfonie von Aaron Copland.

Kritiker und Künstler sind keineswegs natürliche Feinde, auch wenn das gerne karikaturenhalber behauptet wird. Immerhin gab es Zeiten, da spielten sie, wie Hanslick und Brahms, vierhändig miteinander Klavier. Es gibt jedoch keinen Anlass anzunehmen, diese guten alten Zeiten seien vorüber; auch wenn die alten Zeiten in Wahrheit niemals so gut waren, wie ihnen später nachgesagt wird. Deshalb ist es wichtig, dass all diejenigen, denen die Kunst eine Herzensangelegenheit ist und die ihre Sachwalter sind, an einem Strang ziehen, gemeinsam und für die Kunst und – durchaus – kritisch. Inzwischen hat in der Musikkritik das Geschäft der Public Relation (Portraits, Homestory, Interview) den kritischen Diskurs über die Werke und deren Interpretation (Rezension) weitgehend verdrängt. In den Printmedien ersetzen neuerdings Setzung und Werbung das Argument, im Internet wird zwar von vielen sehr viel argumentiert, aber auch viel gefaselt. Und so ist eine kritische Institution wie die Bestenlisten, die der Preis der deutschen Schallplattenkritik (PdSK) vierteljährlich veröffentlicht, heute wichtiger denn je.

Eine Handvoll Musikkritiker*innen hatte sich 1963 zusammengetan, um diesen Preis zu gründen mit dem Ziel, für den von Reklame überformten Schallplattenmarkt eine zuverlässige Qualitätskontrolle zu installieren, begründete Empfehlungen zu geben und so die Interpretationskunst zu fördern. Heute gehören 160 Musikkritiker*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu diesem Verein, sie arbeiten ehrenamtlich in 32 Fach-Jurys und küren, neben den Bestenlisten, in jedem Herbst Jahres- und Ehrenpreisträger*innen. Und manchmal finden sich vier von ihnen zusammen zu einem „Quartett der Kritiker“, um öffentlich über ein bestimmtes Werk zu diskutieren und Platteneinspielungen zu vergleichen.

In deutscher Sprache

Das „Quartett der Kritiker“ findet anstelle der üblichen Einführung zum Konzert der Kansas City Symphony unter der Leitung von Matthias Pintscher statt.

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© Glasshouse Images / Alamy Stock Foto
Konzert

Kansas City Symphony

Conrad Tao – Klavier
Kansas City Symphony
Matthias Pintscher – Leitung


Charles Ives (1874 – 1954): Decoration Day (1915/24), The Fourth of July (1914/31)
George Gershwin (1898 – 1937): Rhapsody in Blue (1924)
Aaron Copland (1900 – 1990): Symphony No. 3 (1946)

Mit den Symphonikern aus Kansas City lernt Berlin ein junges Orchester kennen – 1982 gegründet, zieht es heute mit innovativen Programmen ein vielfältiges Publikum an. Bei der Antrittstournee seines neuen Chefdirigenten Matthias Pintscher erkundet es die reiche Kunstmusik-Tradition der USA mit Stücken des Jubilars Charles Ives, Aaron Copland und George Gershwins „Rhapsody in Blue“.

Kansas City Symphony? Die internationale Presse ist lange schon begeistert, ein Weltklasseorchester, heißt es. Für Matthias Pintscher, der nicht nur Renommee als Dirigent – er leitet u.a. das Pariser Ensemble intercontemporain, gegründet 1976 von Pierre Boulez – sondern auch als Komponist besitzt, hat es sich wohl ähnlich angefühlt: „Es war, als ob wir uns schon lange gekannt hätten und wir musikalisch nur dort weiter machen mussten, wo wir aufgehört hatten.“ Zur Saison 2024/25 wird Pintscher fünfter Musikdirektor der amerikanischen Spitzenformation. Für seine Antrittstournee hat er „Decoration Day” und „The Fourth of July” von Charles Ives ausgewählt, dessen 150. Geburtstag und 70. Todestag 2024 gefeiert wird – klingende „Erinnerungen eines Mannes an bestimmte Feiertage seiner Kindheit“, die ungeachtet der vielen Hymnen und patriotische Gesänge, die anklingen, „eher der Natur als dem Hurrapatriotismus“ nahestehen, wie Ives sie beschreibt. Mit der „Rhapsody in Blue” folgt ein „musikalisches Kaleidoskop Amerikas” (George Gershwin), das längst zu den US-Klassikern der Musikgeschichte zählt. Abgerundet wird der Abend mit Aaron Coplands Dritter Symphonie, deren Finale seine „Fanfare for the Common Man” zitiert, die nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg entstand. Die Musik dieses groß dimensionierten Werks in üppiger Besetzung reicht von fein gesponnenen Linien wechselnder Instrumentengruppen bis hin zu intensiven Klangballungen des vollen Orchesters – und avancierte umgehend zu einem nationalen Symbol, das Komponist und Dirigent Leonard Bernstein in eine Reihe mit Washington Monument oder Lincoln Memorial gestellt wissen wollte.

18:00, Ausstellungsfoyer Kammermusiksaal
Anstelle einer Einführung: „Quartett der Kritiker“

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© NASA/JPL-Caltech/Space Science Institute
Konzert

Filarmonica della Scala

Filarmonica della Scala
Riccardo Chailly – Leitung


Luciano Berio [1925 – 2003]: Quatre dédicases für Orchester
Fanfara (1982) – Entrata (1980) – Festum (1989) – Encore (1978/81)
Wolfgang Rihm (1952*): Dis-Kontur (1974, rev. 1984) für großes Orchester
Maurice Ravel (1875 – 1937):
Fragments symphonique de Daphnis et Chloé, Suite no. 1 (1911)
Fragments symphonique de Daphnis et Chloé, Suite no. 2 (1913)

Riccardo Chailly gelingt mit der Philharmonie der Mailänder Scala immer wieder, das Standardrepertoire zu verzaubern – und es mit aufmerksamen Ohr um Neuentdeckungen aus dem unergründlichen Quell von Musikgeschichte und Musikgegenwart zu bereichern. Beim Musikfest lässt er Luciano Berio und Wolfgang Rihm auf Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“ treffen.

Als der unermüdliche Orchestergründer Claudio Abbado 1982 mit Musiker*innen der Mailänder Scala die Filarmonica della Scala ins Leben rief, schwebte ihm ein Klangkörper vor, der nach dem Modell der Wiener Philharmoniker nicht nur Opern aufführt, sondern auch das symphonische Repertoire gestaltet. Umgehend hat sich die Formation, die einen besonderen Fokus auf die zeitgenössische Musik richtet, als internationales Toporchester etabliert – mit inzwischen mehr als 600 Tourneekonzerten. Anlässlich der Italien gewidmeten Frankfurter Buchmesse 2024 wird die Filarmonica della Scala gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten Riccardo Chailly auch in Berlin erwartet – mit Luciano Berios „Quatre dédicaces”: vier brillanten Orchesterminiaturen, die es, so der Komponist, den Musiker*innen ermöglichen sollen, zur Schau zu stellen, wie bravourös sie ihr Instrument beherrschen. Mit „Dis-Kontur“ von 1974 folgt ein Werk Wolfgang Rihms, mit dem der damals 22-jährige Komponist die Avantgarde aufschreckte: mit einer düsteren und hochexpressiven Musik, die an rostige Fabrikruinen im Niemandsland verlassener Industriewüsten denken lässt. Bukolische Idylle verbreitet anschließend die beiden Orchestersuiten „Daphnis et Chloé“. Entstanden sind diese bedeutenden Orchesterwerke Maurice Ravels ursprünglich für Sergej Diaghilews legendäre Ballets Russes. In Form zweier „Fragments symphonique“ eroberten sie aber umgehend auch die Konzertsäle – für Igor Strawinsky zählten sie zu den „schönsten Produkten in der gesamten französischen Musik“.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

Dieses Konzert der Filarmonica della Scala beim Musikfest Berlin 2024 ist Teil der Aktivitäten, die Italien als Ehrengast 2024 auf der Frankfurter Buchmesse durchführt.

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© elef8 / Stockimo / Alamy Stock Foto
Konzert

Gustav Mahler Jugendorchester

Gustav Mahler Jugendorchester
Ingo Metzmacher – Leitung


Richard Wagner (1813 – 1883): Parsifal (1865 – 1882), Vorspiel zum ersten Aufzug
Luigi Nono (1924 – 1990): A Carlo Scarpa, architetto, ai suoi infiniti possibili (1984) für Orchester mit Mikrointervallen
Richard Wagner: Parsifal, Karfreitagszauber
Anton Bruckner (1824 – 1896): Symphonie Nr. 3 d-Moll

Das Gustav Mahler Jugendorchester verbindet unter der Leitung von Ingo Metzmacher mikrotonale Orchestermusik mit kosmischer Spätromantik. Vor allem aber mit Anton Bruckner, Richard Wagner und Luigi Nono drei große Eigenwillige der Musikgeschichte.

Ein wohltönendes Kind des Kalten Krieges: 1986 gründete Claudio Abbado das Gustav Mahler Jugendorchester, um junge österreichische Musiker*innen in künstlerischen Austausch mit Kolleg*innen aus Ungarn und der Tschechoslowakei zu bringen. Heute bewerben sich jährlich europaweit über 2000 Musiker*innen, um dabei zu sein, für viele ist es der Startpunkt großer Karrieren. Nun gibt das Gustav Mahler Jugendorchester unter der Leitung von Ingo Metzmacher seinen Einstand beim Musikfest Berlin und versöhnt noch immer scheinbare Kontraste: mit Richard Wagners „Parsifal“-Vorspiel und dem visionären „Karfreitagszauber“ aus dem 3. Akt – sowie mit „A Carlo Scarpa”, das Luigi Nono im Gedenken an den im Titel genannten venezianischen Architekten komponierte, mit dem er viele Jahre lang befreundet war. Bei der rund zehnminütigen Komposition handelt es sich um einen düsteren Trauermarsch, dessen Tonvorrat sich auf die beiden aus den Initialen C und S (= Es) des Namens Carlo Scarpa abgeleiteten Tönen beschränkt, die in wechselnd abschattierten Instrumentalkombinationen in weit gefächerter Dynamik vorgetragen werden, wobei unzählige mikrotonale Abweichungen in unendlich feinen Schattierungen das Ganze irrlichternd durchsetzen. Das Finale des Programms bildet die Richard Wagner gewidmete Dritte Symphonie von Anton Bruckner, dessen Geburtstag sich 2024 zum 200. Mal jährt. In ihr treffen monumentale Steigerungswellen und gigantische Höhepunkte auf intimste Momente in sich gekehrter Verklärung: eine Musik, die den Kosmos zu spiegeln scheint, mit frei im Raum stehenden Bergmassiven und Planetensystemen, die Lichtjahre voneinander entfernt liegen.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Daniel Dittus
Konzert

Un mar de músicas

Neema Bickersteth, Mohamed Diaby, Lixsania Fernández, Yannis Francois, Ivan Garcia, Mamani Keïta, Tanti Kouyaté, Manfredo Kraemer, Maria Juliana Linhares, Denise M’Bayé, Guadalupe del Moral, Zé Luzis Nascimento, Rajery, Ballake Sissoko, Fanta Sissoko

Tembembe Ensamble
La Capella Reial de Catalunya
Hespèrion XXI

Jordi Savall – Leitung


Kreolische Lieder und Lieder der Sklav*innen aus der Alten und Neuen Welt

Villancicos de Lenguas von Gaspar Fernendes, Diegon Duron, Juan Gutiérrez de Padilla, Felip Olivelles, Juan Garcia de Cespedesund aus dem Codex Trujiilo

Tänze mit Variationen von Santiago de Murcia und anonymen Autor*innen

Europäische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts von
André Danican Philidor l’ainé, Jean-Baptiste Lully, Jean-Philippe Rameau

Der Atlantik als Begegnungsraum: Das große Verbrechen des Sklavenhandels im Dreieck zwischen Europa, Afrika und den Amerikas prägt die Welt, wie wir sie kennen. Auch die Musikgeschichte hat es nachhaltig verändert. Jordi Savall, der große Visionär der Alten Musik, entwickelt u.a. mit seinem wegweisenden Ensemble Hespèrion XXI und Musiker*innen aus Afrika und den Amerikas einen Klangdialog wechselseitiger Einflüsse zwischen europäischem Barock und den Liedern der Sklav*innen zwischen 1440 und 1880.

Jordi Savall ist nicht nur einer der bedeutendsten Gambisten unserer Zeit, sondern auch ein Vordenker der historisch informierten Aufführungspraxis. Als Gründer mehrerer hochkarätiger Originalklang-Ensembles hat er vergessene Musik rund um den Erdball aus vielen Jahrhunderten wiederentdeckt und immer wieder in thematisch kuratierten Konzerten der Gegenwart zugänglich gemacht. Gemeinsam mit Gastmusiker*innen aus Kuba, Haiti, Brasilien, Mali, Venezuela und Mexiko und mit seinen Ensembles Hespèrion XXI und La Capella Reial de Catalunya würdigt Jordi Savall nun unter dem Titel „Un mar de músicas“ die mehr als 12 Millionen Menschen, die in fast vier Jahrhunderten von den europäischen Großmächten deportiert und versklavt wurden – und ihre musikalischen Sprachen. Ein Abend, der diese menschliche Tragödie in Erinnerung ruft und ein klangliches Netz über den Schwarzen Atlantik spannt, von der afrikanischen Küste zur amerikanischen, zur Karibik und zurück nach Europa. Und der die Wege zeigt, die musikalische Einflüsse in beide Richtungen nahmen: Musik des europäischen Barock und der Renaissance beeinflussten die kreolischen Lieder und Komponist*innen der Kolonien, wie die Musik der Sklav*innen umgekehrt Komponist*innen in Frankreich und Spanien inspirierte. „Un mar de músicas“ ergänzt die Klänge um Texte, die die Geschichte des europäischen Sklavenhandels in aller Drastik zeigen: Von den ersten Menschenhändler-Expeditionen in Afrika über die beginnenden Aufstände in der Karibikregion bis zum späten Beschluss zu Abschaffung der Sklaverei. Eine Erinnerung an all jene, für die Musik zum Überlebensmittel wurde.

18:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Arnold Schönberg Center, Wien
Konzert

Isabelle Faust & Friends

Isabelle Faust – Violine
Julia Hagen – Violoncello
Florent Boffard – Klavier
Meesun Coleman – Violine
William Coleman – Viola
Pascal Moragues – Klarinette
Júlia Gállego – Flöte


Alban Berg (1885 – 1935): „Adagio“ aus dem Kammerkonzert (1924)
Fassung für Klarinette, Violine und Klavier
Anton Webern (1883 – 1949): Satz für Streichtrio op. Posthum „ruhig fließend“ (1925)
Arnold Schönberg (1874 – 1951):
Kammersymphonie Nr. 1 e-Dur op. 9 (1906)
Mit der Fassung für Violine, Flöte, Klarinette, Violoncello und Klavier (1922)
von Anton Webern
Fantasie für Violine mit Klavierbegleitung op. 47 (1949)
Johannes Brahms (1833 – 1897): Klarinettenquinett (1891)

Arnold Schönbergs „Kammersymphonie“ führte bekanntlich einst in Wien zu „Watschn“, heute findet die virtuose Handarbeit nur auf der Bühne statt, wenn Geigerin Isabelle Faust sich dem herausfordernden und entsprechend selten gespielten Stück stellt. Einige der großen Werke der frühen Neuen Musik münden an diesem kammermusikalischen Abend in der Melancholie von Brahms‘ Klarinettenquintett.

Weil sie ein Höchstmaß an kammermusikalischer Präzision verlangt, war die erste Kammersymphonie von 1906 Arnold Schönbergs „Schmerzenskind: eine meiner allerbesten Sachen, und bis jetzt (wegen schlechter Aufführungen!!) noch recht unverstanden“. Dieser Stoßseufzer veranlasste Anton Webern zu seiner Quintett-Bearbeitung: Eine echte Repertoire-Bereicherung, bei der Webern seine Geschicklichkeit als Arrangeur mit viel Einführungsvermögen unter Beweis stellte. Mit seiner „Phantasy“ legte Schönberg Jahrzehnte später ein echtes Virtuosenstück vor, das jede Geigerin und jeden Geiger mit weiten Doppelgriffen, Glissandi sowie diffizilen Tremolo-Effekten und Akkord-Arpeggien vor gewaltige Herausforderungen stellt. Ein Werk, das bei Isabelle Faust buchstäblich in besten Händen liegt, ebenso wie alle übrigen Programmpunkte dieses Kammermusikabends mit Julia Gallego (Flöte), Pascal Moragues (Klarinette), Meesun und William Coleman (Violine und Viola), Julia Hagen (Violoncello) und Florent Boffard (Klavier). Auf dem Programm stehen zudem das Adagio aus Alban Bergs Kammerkonzert (in dem Schönberg, Webern und Berg mit jeweils einem eigenen Thema „auftreten“) sowie Weberns anlässlich Schönbergs 50. Geburtstag komponierter und posthum veröffentlichter Satz für Streichtrio, in dem die Namen „Schönberg“, „Berg“ und „Webern“ – in Tonbuchstaben verschlüsselt – zu Musik wurden. Abgerundet wird der Abend mit dem Klarinettenquintett von Johannes Brahms, einem melancholischen Weltabschiedswerk, das seit seiner Uraufführung unangefochten zu den beliebtesten Arbeiten des Komponisten gehört.

Der Aufführung der Klarinettenquintetts von Brahms korrespondiert die kammermusikalische Nachmittagsveranstaltung der Berliner Philharmoniker am 15.9. mit der Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts maßstabsetzenden Klarinettenquintett und Wolfgang Rihms Antwort und Fortschreibung dieser bedeutenden Klarinettenquintett-Tradition.

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Konzert

In memoriam Aribert Reimann

ensemble mosaik
Enno Poppe – Leitung


Aribert Reimann (1936 – 2024):
Sieben Bagatellen (2017) für Streichquartett
Parerga (1971/87) zu Melusine für Sopran solo
Spektren (1967) für Klavier
Solo (1996) für Viola
Cinq fragments francais de Rainer Maria Rilke (2015) für Sopran und Klavier
Invenzioni (1979) für Ensemble

Am 13. März verstarb der Komponist, Pianist und Musikwissenschaftler Aribert Reimann im Alter von 88 Jahren. Seine Werke gehören zu den wichtigsten Beiträgen zu Vokalmusik und Musiktheater in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit über Deutschland hinaus. Das Musikfest Berlin widmet ihm ein Gedenkkonzert: „In memorian Aribert Reimann“ spielt das Berliner ensemble mosaik unter der Leitung von Enno Poppe einige seiner prägenden Werke.

Als „unumstrittener Meister“ der Vokalmusik wurde Aribert Reimann 2011 mit dem Ernst von Siemens Musikpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Schon immer hatte der Komponist, der mit 22 Jahren Korrepetitor und Klavierbegleiter von Dietrich Fischer-Dieskau wurde und viele Jahre an der Universität der Künste Berlin als Professor für Liedinterpretation unterrichtete, einen besonderen Zugang für das Vokale, was sich auch in seinem Schaffen ohne Singstimmen niederschlug. Im Gedenken an Aribert Reimann, der im März 2024 in seiner Heimatstadt Berlin gestorben ist, präsentiert das von Enno Poppe geleitete Ensemble Mosaik einen Querschnitt aus Reimanns vielseitigem Œuvre: die „Sieben Bagatellen“ für Streichquartett, die als instrumentale Zwischen-, Vor- und Nachspiele zu seiner Streichquartett-Bearbeitung von Theodor Kirchners Heine-Vertonungen entstanden; die „Parerga“ für Sopran solo zu „Melusine“, Reimanns erstem Auftragswerk für die Deutsche Oper Berlin; und die „Spektren“ für Klavier, in denen sich Reimann als ausgezeichneter Pianist der „unerschöpflichen Ausdrucksvielfalt des Solo-Spiels“ widmete. Nach „Solo” für Viola – „Ich habe festgestellt, dass es gar kein Unterschied ist, ob man für eine Stimme ein Solostück schreibt oder für ein Instrument“ (Reimann) – stehen auch noch die „Cinq fragments français de Rainer Maria Rilke” auf dem Programm: bewegende Meditationen über den Himmel, der vom Blau des Tages und dem Schwarz der Nacht alle Bedeutungsnuancen durchläuft. Abgerundet wird das Konzert von Reimanns Ensemblestück „Invenzioni”, das 1979 im Auftrag der London Sinfonietta entstand.

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Konzert

Anna Prohaska I & Pierre-Laurent Aimard

Anna Prohaska – Sopran
Pierre-Laurent Aimard – Klavier


Charles Ives (1874 – 1954): 25 ausgewählte Lieder aus den Sammlungen 114 Songs und Eleven Songs and Two Harmonizations
Igor Stravinsky (1882 – 1971): Vier russische Lieder (1918/19) für Gesang und Klavier
Full Fadom Five (1953): aus den Three Songs from William Shakespeare
Claude Debussy (1962 – 1918): Proses lyrique (1892/93)

Charles Ives schrieb bisweilen Lieder, die ohne menschliche Stimme auskommen – so viel Gewese, befand er, machten ihm die Sänger*innen, dass er sie dann durch ein Soloinstrument ersetzte. In den von Anna Prohaska und Pianist Pierre-Laurent Aimard ausgewählten Stücken wird dennoch ihr international gefeierter Sopran die Hauptrolle spielen. Die Lieder Ives’ beschäftigen sich mit einer vielfältigen Themenpalette, die von Träumen der Kindheit zur Industrialisierung, von Sozialkritik zur Herbstimpression wandert. Gegenübergestellt werden ihnen Lieder von Debussy und Strawinsky.

Charles Ives schrieb 151 Lieder – weit mehr, als in seiner Sammlung „114 Songs“ enthalten sind, die 1922 im Selbstverlag erschien. Viele davon waren ursprünglich „für ein Soloinstrument anstelle der Singstimme gesetzt“, als „Lieder ohne Worte“, weil die Sängerinnen und Sänger „immer so viel Wind um die Intervalle, Taktarten usw. machten“, so Ives. Die stilistische Vielfalt der Stücke ist erstaunlich – vom unverkennbaren Einfluss der europäischen Vorbilder bis hin zu Ragtime und Jazz-Synkopen –, wobei die Palette der zugrundeliegenden Texte von sentimentalen Balladen bis zu hintergründigen philosophischen Reflexionen reicht. Neben hochvirtuosen Klavierparts voller Dissonanzen („Muss ein Lied denn immer ein Lied sein?“, fragt Ives) stehen bisweilen auch einfache Begleitungen, wenngleich auch die vermeintlich konventionell angelegten Lieder in Harmonik, Rhythmus und Artikulation viele Überraschungen bereithalten. Anna Prohaska, bekannt für ihren fast schwerelosen, silberklaren Sopran, widmet sich gemeinsam mit Pierre-Laurent Aimard rund 25 ausgewählten Liedern aus Ives’ „114 Songs“. Thematisch gruppiert werden sie unter anderem Igor Strawinskys volkstümlichen „Vier russischen Liedern“ gegenübergestellt, ebenso wie Claude Debussys „Proses lyriques“, in denen verinnerlichte Miniaturen auf dramatische Szenen à la Wagner treffen. Musikalisch wandeln sich die verhaltenen Farben des Tasteninstruments in ihnen zu einem dichten, quasi-orchestralen Klangstrom – um den in den Texten erwähnten Leidenschaften das nötige klangliche Fundament zu verleihen.

15:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Oslo Philharmonic

Oslo Philharmonic
Klaus Mäkelä – Leitung


Einojuhani Rautavaara (1928 – 2016): Cantus Arcticus, Konzert für Vogelstimmen und Orchester op. 61 (1972)
Kaija Saariaho (1952 – 2023): Vista für Orchester (2019)
Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975): Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 (1937)

Zwei Jahre nach seinem furiosen Debüt mit dem Royal Concertgebouworkest Amsterdam bringt Shootingstar Klaus Mäkelä 2024 mit dem Oslo Philharmonic die vielgespielte, oft missverstandene Fünfte Symphonie Dmitri Schostakowitschs zu Gehör und geht mit Einojuhani Rautavaara in musikalischen Austausch mit Vogelstimmen.

Eine Karriere auf der Überholspur: Die Intensität des Dirigats von Klaus Mäkelä lässt das Publikum staunen – seine spektakulären Konzerte sorgen weltweit für Furore. „Was mir sehr am Herzen liegt“, sagt er, „ist es, musikalische Heimaten zu haben, wo ich umfassend arbeiten kann und mit den Musiker*innen zusammen atme.“ Der junge Finne wurde bereits mit 24 Jahren zum Chefdirigenten des Oslo Philharmonic Orchestra ernannt, leitet zudem das Orchestre de Paris und ist designierter Chefdirigent beim Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam. Zu seinem Berlin-Gastspiel mit dem Oslo Philharmonic hat Mäkelä den berühmten „Cantus Arcticus“ des finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara ins Programm genommen, der 1972 eine Orchesterbesetzung in musikalischen Dialog mit am Polarkreis aufgenommenen Vogelstimmen treten lässt, ehe das Stück „Vista“ der im Sommer 2023 verstorbenen Komponistin Kaija Saariaho sich klanglich damit auseinandersetzt, wie Musik visuelle Eindrücke erzeugen kann. Bekanntermaßen eindrücklich ist zum Abschluss Dmitri Schostakowitschs Fünfte Symphonie, die seit ihrer triumphalen Premiere am 21. November 1937 im damaligen Leningrad zu den meistgespielten Werken des Komponisten zählt. Galt Schostakowitsch den Führungskadern um Stalin als politisch unzuverlässig, revidierte er sich vermeintlich mit diesem Großwerk, nach dem vom Komponisten gewählten Motto: „praktische schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf eine berechtigte Kritik“. Dabei führt die Partitur die sozialistische Forderung nach Monumentalität und Volkstümlichkeit mit vielen hintersinnigen musikalischen Zitaten doch ad absurdum.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Klavierkonzert

Pierre-Laurent Aimard II

Pierre-Laurent Aimard – Klavier

Arnold Schönberg (1874 – 1951):
Drei Klavierstücke op. 11 (1909/10)
Sechs kleine Klavierstücke op. 19 (1911)
Fünf Klavierstücke op. 23 (1920/23)
Klavierstücke op. 33a/33b (1929/31)
Suite für Klavier op. 25 (1921 – 1923)

Charles Ives (1874 – 1954):
Piano Sonata No. 2, Concord, Mass.
Emerson – Hawthorne – The Alcotts – Thoreau

Charles Ives’ „Concord Sonata“ gehört zu den monumentalsten Klaviersonaten des 20. Jahrhunderts – eine Tonflut, aberwitzig anspruchsvoll, notiert in drei Systemen statt der üblichen zwei. Auch für einen international gefeierten Pianisten wie Pierre-Laurent Aimard eine Herauforderung. Die Sonate greift die Bewegung der amerikanischen Transzendentalist*innen auf: Die Stadt Concord in Massachusetts gilt als das Weimar der USA, hier lebten Mitte des 19. Jahrhunderts Autor*innen wie Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson und Nathaniel Hawthorne. Eine Dichte an Talenten, die an das Wien der frühen Neuen Musik erinnert, für das der zweite Fixpunkt des Abends zentral ist: Arnold Schönberg mit dem kompletten Schaffen für Klavier solo.

Als man Pierre-Laurent Aimard mit dem Ernst von Siemens Musikpreis 2017 den „Nobelpreis der Musik“ verlieh, wurde er als „internationale Schlüsselfigur im Musikleben unserer Zeit“ gefeiert – als ein Pianist „des Lichts und der Farben, der alles, was er spielt, klar und lebendig werden lässt“. Anlässlich des Ives-Schönberg-Doppeljubiläums, deren 150. Geburtstage die Musikwelt in diesem Jahr feiert, widmet sich Aimard Schönbergs Gesamtwerk für Klavier solo: angefangen von den freitonalen Klavierstücken op. 11, die noch von einem Klavierklang ausgehen, der die von Schumann und Brahms gesetzten Grenzen nicht überschreitet, bis hin zu den streng zwölftönig komponierten Werken op. 25 und 33. Nach der Pause steht mit Charles Ives’ „Concord Sonata“ der wohl monumentalste Entwurf einer Klaviersonate im 20. Jahrhundert auf dem Programm, die bei der Uraufführung 1939 dem bis dahin immer noch weitgehend unbekannten Komponisten zum Durchbruch verhalf. Wie Ives in seinem Kommentar „Essay Before a Sonata“ ausführte, ist die geistige Welt des technisch aberwitzig anspruchsvollen Stücks, dessen fesselnde Tonflut immer wieder in drei anstatt in zwei Systemen notiert ist, im Umfeld des amerikanischen Transzendentalismus angesiedelt, der im kleinen neuenglischen Städtchen Concord in Massachusetts zwischen 1840 und 1860 seine Hochblüte erlebte. Schönberg kannte und schätzte die Musik seines amerikanischen Kollegen: „In diesem Land“, bekannte er 1947, „lebt ein bedeutender Mann – ein Komponist. […] Er ist nicht gezwungen, Lob oder Tadel zu akzeptieren. Er heißt Ives“.

19:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Lester Lynch – Bariton
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle – Leitung


Paul Hindemith (1895 – 1963): Ragtime (wohltemperiert) (1921) für großes Orchester
Alexander von Zemlinsky (1871 – 1942): Sinfonische Gesänge op. 20 (1936) für Bariton und Orchester
nach Gedichten aus der 1929 erschienenen Sammlung „Afrika singt“
Gustav Mahler (1860 – 1911): Sinfonie Nr. 6 a-Moll (1903 – 1905, rev. 1906/07)

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist eine Jugendliebe Simon Rattles – nun debütiert er als dessen Chefdirigent und Nachfolger von Mariss Jansons beim Musikfest Berlin mit einem Programm, das mit Paul Hindemith Bach als Jazz denkt, mit Alexander von Zemlinsky die Schwarzen Dichter der „Harlem Renaissance“ interpretiert und schließlich mit Gustav Mahler meisterhaft ins Tragische marschiert.

Wiedersehen mit Sir Simon! Erstmals nach seinem Amtsantritt als Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist Simon Rattle wieder beim Musikfest Berlin zu Gast. Parodistische Eröffnung des Abends ist Paul Hindemiths „Ragtime (wohltemperiert)“, in dem der damals 26-jährige noch junge Wilde das Thema aus Bachs c-Moll-Fuge – der Nummer zwei des „Wohltemperierten Klaviers“ (Band 1) – mit jazzigem Drive genüsslich durch den Kakao zieht: „Wenn Bach heute lebte, vielleicht hätte er den Shimmy erfunden oder zum mindesten in die anständige Musik aufgenommen“, analysierte jovial der Komponist. Anschließend widmet sich der amerikanische Bariton Lester Lynch mit gewohnt seidigem Legato Alexander von Zemlinskys „Sinfonischen Gesängen“, denen Gedichte afroamerikanischer Lyriker zugrunde liegen, die unter dem Schlagwort „Harlem Renaissance“ bekannt geworden sind. Zu ihnen gehörte unter anderen Langston Hughes, der später bei „Street Scene“ mit Kurt Weill zusammengearbeitet hat. Die Texte, die die österreichische Frauenrechtlerin, Pazifistin und Pädagogin Anna Nussbaum 1929 für den damals Aufsehen erregenden Band „Afrika singt“ zusammenstellte und übersetzte, thematisieren in drastischem Realismus und verstörender Sprache den von Rassismus geprägten Alltag der Schwarzen Dichter*innen, zu dem Erfahrungen von Gewalt, Vergewaltigungen und Lynchmorden gehören. Das Buch wird 1938 von den Nationalsozialisten verboten, viele der am Entstehen des Bandes Beteiligte werden verfolgt. Auch Alexander von Zemlinsky, Komponist mit jüdischen Wurzeln, geht ins Exil. In seiner Vertonung verzichtet er weitgehend auf melodische und rhythmische Anleihen an Jazz, Blues und Spiritual. Stattdessen stellte er der geballten Emotionalität der vertonten Texte eine bisweilen neoklassizistisch-kühle Klangwelt gegenüber – mit außerordentlich großer Wirkung.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© ÖNB, Bildarchiv Austria
Konzert

Staatskapelle Berlin

Verneri Pohjola – Trompete
Wiebke Lehmkuhl – Mezzosopran
Eric Cutler – Tenor
Staatskapelle Berlin
Susanna Mälkki – Leitung


In memoriam
Kaija Saariaho (1952 – 2023): Hush (2023), Konzert für Trompete und Orchester
Kompositionsauftrag des Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Festival, Orchestre Philharmonique de Radio France, Los Angeles Philharmonic, Asko|Schoenberg, Muziekgebouw, BBC Radio 3, Lahti Symphony Orchestra und Finnland-Institut
Gustav Mahler (1860 – 1911): Das Lied von der Erde (1908/09)

Musik, die den Tod kennt, aber den Wert des Lebens greifen will, begegnet in diesem Programm der Staatskapelle Berlin unter Susanna Mälkki. Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ entstand unmittelbar nach dem Tod seiner Tochter. „Hush“ ist das letzte vollendete Werk von Kaija Saariaho, dessen Uraufführung die Komponistin nicht mehr erleben konnte.

Kaija Saariaho konnte ihr Opus ultimum noch vollenden, bevor sie Anfang Juni 2023 im Alter von 70 Jahren an den Folgen eines unheilbaren Hirntumors verstarb: ein Trompetenkonzert mit dem sprechenden Titel „Hush“ (Schweigen) – existenzielle, in der Gewissheit des eigenen Todes komponierte Musik, in der sinnlich-irisierende Klänge auf gähnende Abgründe treffen. Susanna Mälkki, Premierendirigentin des Konzerts in Helsinki, präsentiert „Hush“ nun am Pult der Berliner Staatskapelle in Deutscher Erstaufführung. Solist ist der finnische Trompeter Verneri Pohjola, der gemeinsam mit der Komponistin neue, experimentelle Spielweisen entwickelt hat. Mit Mahlers „Lied von der Erde“ steht ein weiteres Werk auf dem Programm, das um die Endlichkeit der menschlichen Existenz kreist – entstanden zu einer Zeit, in der Mahlers Leben aus den Fugen geraten war. Noch bevor seine Demission vom Amt des Direktors der Wiener Hofoper formal Gültigkeit hatte, starb seine ältere Tochter Maria Anna an Diphtherie, bei ihm selbst wurde ein schwerer Herzklappenfehler diagnostiziert. Mahler hatte „mit einem Schlage alles an Klarheit und Beruhigung verloren“ und stand in eigenen Worten „vis-à-vis de rien“. Nach Klängen vollkommener Verlassenheit und einem „Rausch der Selbstzerstörung“ (Adorno) scheint dieses Weltabschiedswerk am Ende in den unendlichen Weiten des Kosmos zu verhallen – mit zart schwebenden Klängen zum letzten Wort des gesungenen Textes „ewig“, zu dessen zahlreichen Wiederholungen sich die Musik allmählich im Nichts aufzulösen scheint.

19:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Mahler Chamber Orchestra

Anna Prohaska II

Anna Prohaska – Sopran
Mahler Chamber Orchestra
Antonello Manacorda – Leitung


Charles Ives (1874 – 1954):
Sieben Lieder - aus der Sammlung „114 Songs“ (1922) für Stimme und Klavier
transkribiert für Sopran und Orchester von Eberhard Kloke, Uraufführung
Kompositionsauftrag der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin

Eberhard Kloke (*1948):
The Answered Question (2024) für kleines Orchester nach
„The Unanswered Question“ von Charles Ives, Uraufführung
Kompositionsauftrag der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin

Gustav Mahler (1860 – 1911):
Sieben frühe Lieder (1880 – 1889) - aus der Sammlung „Lieder und Gesänge“ (1880 – 1889/92) transkribiert für Sopran und Orchester von Eberhard Kloke

Anton Dvořák (1841 – 1904):
Sinfonie Nr. 9 e-Moll (1893) „Aus der Neuen Welt“

Mit dem Mahler Chamber Orchestra begibt sich die Berliner Koloratursopranistin Anna Prohaska in bukolische musikalische Welten auf zwei Kontinenten: Den Skizzen US-amerikanischen Lebens jenseits der Metropolen in den Liedern Charles Ives stehen Vertonungen aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler gegenüber. Die Welten vereinen will schließlich Dvořáks „Aus der Neuen Welt“, wenn globale Klangtraditionen zu einer neuen, echt amerikanischen werden.
Kirchen- und Volkslieder, patriotische Gesänge, der Lärm der Menge: Immer wieder wollte Charles Ives in seinen raffinierten Klanglandschaften Momente des amerikanischen (Dorf-)Lebens in Szene setzen – mal nostalgisch, mal ekstatisch, mal freudig ausgelassen. Hierbei folgte er in leidenschaftlicher Experimentier- und Abenteuerlust einem höheren Ziel, das dem Gustav Mahlers nicht unähnlich war: der Schaffung einer alles umfassenden musikalischen Welt. Anna Prohaska stellt an diesem Abend mit gewohnt ätherischem Sopran eine Auswahl von Ives-Liedern frühen „Wunderhorn“-Vertonungen Mahlers gegenüber – in einer eigens für sie arrangierten „komponierten Interpretation“ ihres ehemligen Lehrers, des Wahl-Berliners Eberhard Kloke, dessen erneuernde und weiterführende Transkriptionen ganz in der Tradition eines Liszt und Busoni stehen: „Die jeweilige Komposition selbst gibt mir Motivation und Ideen, dieses Werk in eine bestimmte Richtung weiterzutreiben. Manchmal geht es so weit, dass man es wieder als Komposition betrachten kann“, erläutert Kloke seine Herangehensweise. Symphonisches Hauptwerk des Abends ist Antonín Dvořáks Neunte Sinfonie, bekannt unter dem Titel „Aus der Neuen Welt“, die bei ihrer New Yorker Premiere von den Zeitgenossen als echt „amerikanische“ Musik empfunden wurde – obwohl Dvořák die Neue Welt hier unüberhörbar durch seine böhmische Brille betrachtet hat.

19:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Julian Prégardien – Tenor
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Sir Andrew Davis – Leitung


Tania León (*1943): Ácana (2008) für Kammerorchester
Maurice Ravel (1875 – 1937): Cinq mélodies populaires grecques (1904 – 06) für Tenor und Orchester
Gustav Mahler (1860 – 1911): Lieder eines fahrenden Gesellen (1884/85)
Charles Ives (1974 – 1954): Three Places in New England (1903 – 1929)
Johann Sebastian Bach (1685 – 1750):
Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565
Choralvorspiel zu
„Liebster Jesu, Wir Sind Hier“ BWV 731
Trio super
„Herr Jesu Christ, Dich Zu Uns Wend“ BWV 655
Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552
bearbeitet und orchestriert von Sir Andrew Davis

Ein sehr vielfältiges Programm zeigt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Sir
Andrew Davis: Tania León setzt einem kubanischen Baum ein musikalisches Denkmal. Ravel erkundet das griechische, Mahler das deutschsprachige Volkslied. Charles Ives vertont amerikanische Landschaften und Geschichte. Und mit den Orchestertranskriptionen von vier Bach-Stücken des Dirigenten Davis endet der Abend schließlich in neu erzählter Alter Musik.

„Ácana“ von Tania León wurde von einem Gedicht des kubanischen Nationaldichters Nicolás Guilléns inspiriert: eine Hommage an den gleichnamigen Baum, dessen bemerkenswert robustes Holz auf dem Inselstaat vielfältige Verwendung findet. Lebendige Tanzrhythmen zeichnen das geschäftige Leben von Tania Leóns Geburtsort Havanna nach – mit Abstechern in die undurchdringlichen kubanischen Regenwälder mit ihren glasklaren Bächen und hohen Bergmassiven. In die Welt griechischer Folklore führt anschließend Maurice Ravels „Cinq mélodies populaires grecques” – mit einer impressionistisch angehauchten Lyrik –, während Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ an den Volksliedtexten der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ angelehnt sind. Solist ist Julian Prégardien, der vom Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Sir Andrew Davis begleitet wird. Nach der Pause steht Charles Ives’ Orchestersuite „Three Places in New England“ auf dem Programm, deren drei Sätze sich auf naturhafte Szenerien und Schauplätze aus der amerikanischen Geschichte beziehen – mit einer Fülle von Anspielungen auf traditionelle Märsche und Kirchenlieder, die immer wieder wie aus weiter Entfernung und zeitlicher Distanz in den ruhigen musikalischen Verlauf hineinklingen. Abgerundet wird der Abend mit einer Reihe von Bach-Orchestertranskriptionen aus der Feder von Sir Andrew Davis: angefangen von der berühmten d-Moll-Toccata samt Fuge BWV 565 bis hin zum Satzpaar Präludium und Fuge Es-Dur BWV 522 aus dem dritten Teil der „Klavierübung“, das bereits Arnold Schönberg für großes Orchester eingerichtet hat.

19:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Louis Charles McClure
Konzert

Berliner Philharmoniker I

Pierre-Laurent Aimard – Klavier
Ernst Senff Chor
Steffen Schubert – Einstudierung
Berliner Philharmoniker
Jonathan Nott – Leitung


Missy Mazzoli (*1980): Orpheus undone (2020) Suite für Orchester
In memoriam Peter Eötvös (1944 – 2024): Cziffra Psodia (2020)
für Klavier und Orchester, Deutsche Erstaufführung
Charles Ives (1874 – 1954): Sinfonie Nr. 4 (1910 – 1925)

Missy Mazzoli dehnt einen winzigen Moment der Orpheus-Sage zu einer Suite, Peter Eötvös’ Hommage an seinen Freund, den romani-ungarisch-französischen Pianisten Györgi (Georges) Cziffra erzählt eine dramatische europäische Biografie als Rhapsodie, deren Aufführung beim Musikfest Berlin nun ihrerseits zu einer Erinnerung an den so plötzlich verstorbenen großen ungarischen Komponisten und Dirigenten geworden ist. Sinfonischen Maximalismus hingegen spielen die Berliner Philharmoniker mit einem Hauptwerk von Charles Ives: Seine Vierte Sinfonie von 1925 collagiert ein Jahrhundert kollektiver amerikanischer Erinnerung zu einem Stück Musikavantgarde.

Peter Eötvös erinnert sich: Georges Cziffra studierte mit Peter Eötvös’ Mutter an der Budapester Musikakademie, „und so hatte ich schon als Kind die Gelegenheit, ihn selbst kennen zu lernen.“ Nach einem erfolglosen Fluchtversuch in den frühen 1950er Jahren wurde der ungarische Klaviervirtuose zur Zwangsarbeit verurteilt – erst 1956 konnte er Ungarn Richtung Paris verlassen, um von dort aus seine Weltkarriere zu starten. Anlässlich seines 100. Geburtstags komponierte Peter Eötvös das Klavierkonzert „Cziffra Psodia“, eine rhapsodische Musik, in der sich Cziffras dramatisches Leben in Klang spiegelt: Der metallische Rhythmus im ersten Satz erinnert beispielsweise „an die Arbeit im Steinbruch während seiner Gefangenschaft. Den späteren meditativen Zustand der Momente seines Rückzugs aus der Öffentlichkeit, komponierte ich in drei ruhigen Kadenzen.“ Im Konzert der von Jonathan Nott dirigierten Berliner Philharmoniker übernimmt Pianist Pierre-Laurent Aimard den Solopart, dem 2017 der Ernst von Siemens Musikpreis verliehen wurde. Den Auftakt macht aber Musik von Missy Mazzoli: Die New Yorker Komponistin schafft es, dem uralten Stoff der Orpheus-Sage – schon Thema der ersten Oper der Musikgeschichte, Monteverdis „Orfeo“ – neue inhaltliche und musikalische Facetten abzugewinnen, in dem sie den Moment des Verlusts, der Einsamkeit, nicht die Suche in den Fokus nimmt. Nach der Pause steht mit Charles Ives’ Vierter Sinfonie ein philosophisches Werk auf dem Programm, in der Lowell Masons geistliches Lied „Watchman, tell us of the night“ mit seiner „drängenden Frage nach dem Was und Warum“ (Ives) und Nathanael Hawthornes Erzählung „The Celestial Railroad“ den Ausgangspunkt bilden. Die Musik besteht aus in sich changierenden Klanggruppen, die sich auf unterschiedlichen dynamisch-räumlichen Ebenen bewegen, wobei sich das Ganze aus der für Ives typischen Mischung aus religiösen Hymnen, Volksliedern und patriotischen Gesängen zusammensetzt.

18:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Astrid Ackermann
Konzert

Ensemble Musikfabrik

Isabel Mundry I

Isabel Mundry (*1963):
Noli me tangere (2019/20) für Schlagzeug und Ensemble

Schwankende Zeit (Komplettzyklus, 2006 – 2009)
für großes Ensemble
1. Non mesuré mit Louis Couperin I (2008/09)
2. Schwankende Zeit (2007/08)
3. Gefächerter Ort (2007/09)
4. Non mesuré mit Louis Couperin II (2008/09)
5. Je est un autre (2009)

Figura (2022 – 2024) für 2 B-Trompeten

Wie schreibt sich die Musik des kumulierten Gestern ins Heute fort? Der deutschen Komponistin Isabel Mundry ist in diesem Jahr eine dreiteilige Werkschau gewidmet, die ihre Musik als Dialog zwischen Zeiten verortet. Den Auftakt bildet ein Abend mit dem Ensemble Musikfabrik und Stücken, die historische Echoräume gregorianischen Gesangs und des Barocks erkunden und ermöglichen.

Spiel der Perspektiven: „Höre ich mit geschlossenen Augen Klänge, so imaginiere ich Räume. Sehe ich Räume, entstehen Klänge.“ Beide Formen der Wahrnehmung und insbesondere ihre Wechselwirkung haben Isabel Mundry schon immer fasziniert, wobei die 1963 im hessischen Schlüchtern geborene Komponistin auch historische Orte und Zeiten reflektiert, die überlieferte Werke der Musik-, Kunst- und Literaturgeschichte in sich tragen – ein Ineinandergreifen von Einflüssen der Geschichte. Letzteres rückt in Mundrys Kompilationswerk „Schwankende Zeit“ in den Fokus, da hier zwei Stücke aus François Couperins „Préludes non mesurés“ in Ensemble-Bearbeitung auf Mundrys eigene Klangsprache treffen: Ein kreativer Dialog, der die gegenwärtige Hörperspektive auf die Stücke des französischen Barockmeisters strukturell durchleuchtet und seinerseits in den Neukompositionen Spuren hinterlässt. In „Noli me tangere” für Schlagzeug solo und großes Ensemble ging es der Komponistin dann um „eine Meditation über das Phänomen der Berührung, wie sie sich erst zeigt, wenn sie sich nicht mit dem Ergreifen, Erfassen oder Halten gleichsetzt“. Solist und Ensemble reagieren in durch den Raum wabernden Klanggesten aufeinander, ohne sich zu synchronisieren: „Immer geht es um Formen von Resonanz, nie aber um Angleichung.“ Das Trompeten-Duo „Figura“ schließlich wurde in den Worten der Komponistin von „gregorianischen Gesängen und ihren Echoräumen in späteren, notierten Werken“ inspiriert, was für die beiden Instrumentalisten in musikalische „Gesten eines Aufnehmens und Weitertragens“ transformiert wird.

18:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Agustín Orduña Castillo / Alamy Stock Foto
Konzert

Ensemble Resonanz

Isabel Mundry II

Johannes Fischer – Schlagzeug
GrauSchumacher – Piano Duo
Ensemble Resonanz
Peter Rundel – Leitung (Mundry)
Riccardo Minasi – Leitung (Beethoven)


Isabel Mundry (*1963):
Signaturen (2022 – 2024) für zwei Klaviere, Schlagzeug und zwei Streichergruppen, Uraufführung der finalen Fassung
Depuis le jour (mit Blick auf Sweelinck) (2012) für Streicher und zwei Schlagzeuger auf Texte von Thomas Kling

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827): Sinfonie Nr. 3 Es-Dur (1802/03)

Ein überraschend anderer Beethoven tritt in Dialog mit einer Komponistin, die im historischen Material die Musik der Gegenwart findet, herausschält, ausgräbt, als nach vorne suchende Archäologin: Im zweiten Teil der Werkschau Isabel Mundrys präsentiert das Ensemble Resonanz die finale Fassung ihres Stücks „Signaturen“, das auf dem letzten Takt einer Mozart-Sonate basiert, ehe Riccardo Minasi das Ensemble durch eine ungehörte Interpretation von Beethovens „Eroica“ führt.

Unbändige Musizierlust, größte Präzision und eine ausgeprägte Freude am Kontrast: Riccardo Minasi, der die musikhistorischen Quellen samt ihrem ästhetischen Umfeld sowie das instrumentale Handwerk der historisch informierten Aufführungspraxis wie kaum ein anderer kennt, kostet das dramaturgische Potential der Musik unterschiedlichster Epochen in vollem Umfang aus. Nachdem er mit atemberaubenden Mozart-Deutungen international für Furore gesorgt hat, begeistert er nun mit einem überraschend anderen Beethoven. Als Principal Guest Conductor des Ensemble Resonanz widmet sich Minasi beim Musikfest Berlin Beethovens „Eroica“. Mit Peter Rundel am Pult präsentiert das Ensemble Resonanz zudem die Uraufführung der finalen Fassung von Isabel Mundrys „Signaturen“, in denen die Komponistin den letzten Takt von Mozarts Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448 aufgreift, um ihn weiterzuspinnen: „Eine neue Musik zu komponieren bedeutet unumgänglich, sich in Form von Annäherung oder Abgrenzung gegenüber älterer Musik zu positionieren.“ Immer hat Mundry in ihren Werken interessiert, „die Perspektiven auf Vergangenes zu wechseln, von der Bearbeitung über die Verwandlung bis hin zur Distanznahme“. In „Depuis le Jour“ sind diese Perspektiven ebenfalls ein zentrales Motiv, da hier Stücke des niederländischen Spätrenaissance-Komponisten Jan Pieterszoon Sweelinck mit Mundrys eigener Musik auf das Gedicht „Ethnomühle“ des Lyrikers und Essayisten Thomas Kling treffen, in dem es darum geht, „wie die Sprache selbst stets wandelnde Erinnerungsmomente in sich trägt“, wie Mundry deutet.

18:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Christina Bock – Mezzosopran
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Vladimir Jurowski – Leitung


Johannes Brahms (1833 – 1897): Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81 (1880)
Arnold Schönberg (1874 – 1951): Vier Lieder für Gesang und Orchester op. 22 (1913 – 1916)
1. Seraphita (1913)
2. Alle, welche dich suchen (1914)
3. Mach mich zum Wächter deiner Weiten (1914/15)
4. Vorgefühle (1916)
John Adams (*1947): Harmonielehre (1985)

Schönberg und Brahms – das klingt nach getrennten Welten. Dabei war Schönberg dafür mitverantwortlich, den Hochromantiker für die Moderne gerettet zu haben. Mit Brahms’ „Tragischer Ouvertüre“ und dem US-amerikanischen Minimalismus von John Adams „Harmonielehre“ finden Schönbergs Lieder hier eine Rahmung durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, die gerade in ihrer großen Kontrastierung die ganze Weite seiner Musik aufspannt.

Beziehungszauber: Der Vortrag „Brahms der Fortschrittliche“, den Arnold Schönberg erstmals 1933 im Frankfurter Rundfunk hielt, führte zu einer Neubewertung von Brahms’ Schaffen. Den Kontakt zum Sender hatte Hans Rosbaud, der Chef des Frankfurter Rundfunk-Symphonie-Orchesters, hergestellt, der viele Werke Schönbergs in seinen Konzerten aufführte. Rosbaud war es auch, der ein Jahr zuvor Schönbergs Orchesterlieder op. 22 uraufgeführt hatte – einen ergreifenden Zyklus, der bereits unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden war. In ihm treffen abgrundtiefe Trauer eines von Gott verlassenen lyrischen Ichs auf die Utopie einer besseren Welt, wobei Schönberg selbst den außergewöhnlichen und „überwiegend solistischen“ Stil der Orchestrierung hervorgehoben hat. „Harmonielehre“ des Pulitzer-Preisträger John Adams, der wie kaum ein anderer Gegenwartskomponist die US-amerikanische Musikwelt der letzten Jahrzehnte geprägt hat, bezieht sich wiederum auf Schönbergs gleichnamiges Lehrbuch, wenn auch ironisch. Als Leitplanke dient hier nämlich die US-amerikanische „Minimal Music“, bei der über längere Zeiträume einfache Grundmuster mit oft kaum hörbaren Veränderungen wiederholt werden. Inspiration des Kopfsatzes war ein surrealer Traum, in dem ein großes Containerschiff in der Bucht von San Francisco „wie eine Saturn-Rakete“ (Adams) in den Himmel aufstieg. Entsprechend spektakulär beginnt das Ganze: mit gewaltigen Akkordsalven, deren kontinuierliche rhythmische Verschiebungen und Schwerpunktverlagerungen eine beispiellose Sogwirkung entwickeln.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Orchester der Deutschen Oper Berlin

Federica Lombardi – Sopran (Desdemona)
Karis Tucker – Mezzosopran (Emilia)
Roberto Alagna– Tenor (Otello)
Lilit Davtyan – Sopran (Nono)
Thomas Cilluffo– Tenor (Nono)
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Donald Runnicles – Leitung


Ottorino Respighi (1879 – 1936): Feste Romane (1928), Symphonisches Gedicht für Orchester
Luigi Nono (1924 – 1990): Canti di vita e d’amore. Sul Ponte di Hiroshima (1962) für Sopran- und Tenor-Solo und Orchester
Giuseppe Verdi (1813 – 1901): Otello, IV. Akt (1884 – 1886)

Italia noir: Das Orchester der Deutschen Oper präsentiert einen düsteren italienischen Abend. Ottorino Respighi führt das Orchester in einem akustischen Cinemascope-Format in die Arenen des Alten Roms, Luigi Nono setzt den Grausamkeiten seiner Gegenwart Leben und Liebe entgegen. Und Guiseppe Verdi „Otello“ gehört zu den tragischsten der Operntragödien – hier gibt es das Finale.

Im ersten Teil seines brillant in Szene gesetzten Klangfreskos „Feste romane“ führt Ottorino Respighi das Publikum direkt in den antiken Circus Maximus, in dem Kaiser Nero eine Gruppe von Märtyrer*innen den Löwen zum Fraß vorwerfen lässt: die Streicher übernehmen ihren Choral, während Klarinetten, Fagotte und Posaunen mit naturalistischen Glissandi das Gebrüll der wilden Tiere nachahmen. Luigi Nono wiederum wandte sich in seinen „Canti di vita e d’amore“ von 1962 gegen jede Form von Grausamkeit, wobei alle drei Teile unterschiedliche Facetten von Gewalt und Unterdrückung thematisieren und nach Möglichkeiten suchen, kriminellem Wahnsinn entgegenzuwirken. Die Brücke von Hiroshima im Untertitel weist dabei den Weg. Neben diesen beiden Werken widmen sich Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin auch dem vierten Akt von Guiseppe Verdis Operntragödie „Otello“, in der in genretypischer Dreieckskonstellation der Held (Otello), seine zu Unrecht beschuldigte Ehefrau (Desdemona) und ein kaltblütiger Intrigant (Jago) aufeinandertreffen. Kein anderer italienischer Opernkomponist des 19. Jahrhunderts hat sich in seinen Bühnenwerken so schonungslos mit dem Tod auseinandergesetzt wie Verdi: Bereits zu Beginn seiner Karriere gab er zu Protokoll, dass die Oper das Publikum „zum Weinen, zum Entsetzen, zum Sterben durch den Gesang“ bringen müsse. Im vierten „Otello“-Akt ist ihm das zweifellos gelungen, wobei das Orchester an der fesselnden Wirkung des Ganzen prominenten Anteil hat: Düstere Akkorde in tiefstmöglicher Instrumentallage lassen am Ende keinen Zweifel daran, dass der Tod dem gefallenen Helden keine Erlösung bringen wird.

19:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Chris Christodoulou
Konzert

Berliner Philharmoniker II

Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko – Leitung


Wolfgang Rihm (*1952): IN-SCHRIFT (1995/2012)
Anton Bruckner (1824 – 1896): Sinfonie Nr. 5 B-Dur (1873 – 1875)

Meistens wird Musik als Zeitkunst verstanden. Dabei ist sie zu nicht geringen Anteilen auch Raumkunst. Zwei Werke, die Musik im Raum denken und musikalisch Raum schaffen, werden in diesem Programm der Berliner Philharmoniker zusammengebracht: Wolfgang Rihms für den Markusdom komponiertes „IN-SCHRIFT“ wie Anton Bruckners monumentale 5. Sinfonie.

Musik, die den Raum mitdenkt, um schließlich alle Begrenzungen hinter sich zu lassen: Nicht zufällig wurden die Sinfonien Anton Bruckners oft mit der himmelwärts strebenden Bauweise gotischer Kathedralen verglichen – auch seine 5. Sinfonie, die mit ihren quasi räumlich gestaffelten Klangbausteinen und vielen blockhaften Farb- und Dynamikwechseln immer wieder an eine gewaltige Klangskulptur denken lässt. Natürlich hat der Organist Bruckner in diesem Werk einmal mehr die Nachhallzeiten mitkomponiert, die er aus dem Kirchenraum gewohnt war: Generalpausen, die bei jeder Aufführung zum Ereignis werden und ihrerseits für außergewöhnliche Raumerfahrungen sorgen. Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Kirill Petrenko widmen sich die Berliner Philharmoniker Bruckners monumentaler Fünften. Zuvor steht Wolfgang Rihms Raumkomposition „In-Schrift“ auf dem Programm, „die Klangzeichen wie Schriftzeichen; in den Klang eingeschriebene, spruchartige Linien“ versteht, wie der Komponist ausführt. Rihm komponierte „In-Schrift“ in alter Tradition für einen besonderen Kirchenraum – die mit goldenen Mosaiken zum Glänzen gebrachte Basilica di San Marco in Venedig, deren Nachhall er mit Harmonik zu überlisten suchte: „Alle Räumlichkeit sollte in die Musik eingeschrieben sein.“ Das Ergebnis? Ein fesselndes Wechselspiel von tatsächlichen Fernklängen und Raumwirkung erzeugenden Klangeffekten, die überaus raffiniert in Szene gesetzt werden.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© John Lindros
Konzert

EXAUDI / Ensemble Phace

Isabel Mundry III

EXAUDI
James Weeks – Leitung
Ensemble Phace
Susanne Blumenthal – Leitung


Isabel Mundry (*1963):
Sound, Archeologies (2017/18), Trio für Bassetthorn, Cello und Klavier
Invisible (2023), für Vokal- und Instrumentalensemble, Deutsche Erstaufführung

Eine Skulptur aus dem Alten Ägypten findet neue Bedeutung als Objekt auf einem Schreibtisch. Aber was ist seine Beschaffenheit zwischen vertrauter Rede und Fremdheit? Die Frage wird zum Ausgangspunkt einer Archäologie der musikalischen Archetypen. Im abschließenden Teil der Würdigung der Komponistin widmet sich Ensemble Phace und die Vokalgruppe EXAUDI Perspektiven auf Zugehörigkeit und Ausschluss.

Bei Isabel Mundrys Trio „Sounds, Archeologies“, in dem die einzelnen Stimmen immer wieder aufeinander zu- und voneinander wegfließen, dass es den Hörenden den Atem verschlägt, deutet bereits der Titel auf ungewöhnliche Klangausgrabungen. Inspiriert wurde das mit Bassetthorn, Violoncello und Klavier ungewöhnlich besetzte Stück nämlich von einer Skulptur aus dem Alten Ägypten – genauer: von dem Bild, wie eben diese Skulptur „zwischen Papieren und Briefbeschwerern“ auf dem Schreibtisch in einem Ägyptologischen Institut steht. Mundry arbeitete sich bei der Komposition durch die „Sedimente der Musikgeschichte“, wie sie es nennt, „bis zu den Archetypen, der Beschaffenheit der Instrumente und ihres Spielens selbst: Polyphonien, Melo­dien, Responsorien, Dreiklänge, Leersaiten, Eigenzeiten von Spielaktionen, Ausklänge“ – Archetypen, die sie auf ihrem Schreibtisch ausbreitet, „wie ägyptische Skulpturen, um der Frage nachzugehen, ob und wie sie noch zu mir sprechen, damit auch ich mit ihnen sprechen kann“. In ihrer Raumkomposition „Invisible“ spürte die Komponistin dann der „Frage von Bindung und Abkopplung“ nach: mit einem inneren Kreis von sieben Vokalist*innen, um den herum das Publikum platziert ist, das seinerseits vom Instrumentalensemble umringt wird. Im inneren Kreis drehen sich „einzelne immer wieder nach außen“ – an einer Stelle sogar alle bis auf eine Person. „Das heißt, dass die Sänger*innen in der Mitte immer zwischen zwei Zugehörigkeiten oszillieren“, sagt Mundry, eine beständig wechselnde Perspektive zwischen Einbezug und Ausgrenzung.

19:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Kammerkonzert

Ensemble Modern I

Porträt Ruth Crawford Seeger: Lieder

Sarah Maria Sun – Sopran
Ensemble Modern
David Niemann – Leitung


Katherine Balch (*1991): Waste Knot (2021/22) für Sopran, Ensemble und Audiokassetten
Johanna Magdalena Beyer (1888 – 1944): Music of the Spheres (1938) für drei elektronische Instrumente
Ruth Crawford Seeger (1901 – 1953):
Five Songs (1929) auf Gedichte von Carl Sandburg, für Altstimme und Klavier
Three Songs (1930-32), auf Gedichte von Carl Sandburg für Stimme, Oboe, Schlagzeug und Klavier
Two Ricercare (1932), auf Gedichte von H. T. Tsiang für Stimme und Klavier
The Adventures of Tom Thumb (1925) für Klavier und Sprecher
Tania León (*1943): Tau (1995), für Ensemble
Singin' Sepia (1996): Five Songs nach Texten von Rita Dove für Stimme und drei Instrumente

Ruth Crawford Seeger war als Komponistin nicht nur Teil der ultramodernistischen Strömung, die die Möglichkeiten von Musik jenseits der europäischen Traditionen erkunden wollte, sie war auch Erforscherin der folkloristischen Musik der USA und beeinflusst von Theosophie. Eine Frau ihrer Zeit, der Geschwindigkeit der Zwischenkriegsjahre, und ihr doch so weit voraus – das Musikfest Berlin und das Ensemble Modern widmen ihr ein dreiteiliges Konzert-Porträt und lassen ihre musikalische Welt in Dialog treten mit Zeitgenossinnen und Komponistinnen der Gegenwart.

Jenseits der Tonalität, hochexpressiv und von klarer Struktur: Ruth Crawford Seeger, die mit Unterstützung eines Guggenheim Stipendiums Anfang der 1930er-Jahre in Berlin lebte, war eine bemerkenswerte Pioniergestalt der amerikanischen Moderne. Sie komponierte hochoriginelle Werke wie die „Three Songs” nach Gedichten von Carl Sandburg, einen oft surreale Züge annehmenden Zyklus, in dem zwei unabhängige Klanggruppen aufeinandertreffen: ein „Concertino“ und ein „Ostinato“ aus dreizehn Spieler*innen, die möglichst weit von den Solist*innen entfernt zu platzieren sind. Im ersten der drei Konzerte, in denen sich das Ensemble Modern Ruth Crawford Seegers Gesamtwerk annimmt, stehen auch die beiden Ricercari „Sacco, Vanzetti“ und „Chinaman, Laundryman“ auf dem Programm, deren halb gesungene und halb gesprochene Texte vom Elend ausgebeuteter Einwanderer und dem umstrittenen Sacco-Vanzetti-Prozess von 1921 handeln, in dem zwei Italo-Amerikaner in einem fragwürdigen Verfahren zum Tod verurteilt wurden. Humor und erzählerische Schlichtheit in der Art von Prokofjews „Peter und der Wolf“ findet sich demgegenüber in der Kindersuite „The Adventurer of Tom Thumb”, deren Text nach dem „Kleinen Däumling“ der Gebrüder Grimm die Komponistin selbst verfasst hat. Eingeleitet wird der Abend von der 1938 entstandenen Elektro-Komposition „Music of the spheres” der New Yorker Komponistin Johanna Beyer: eine für „electrical Instruments“ und Triangel komponierter Klangstrom, der seiner Zeit weit voraus war. Ebenfalls zu hören: die phantastischen Klangwelten aus Katherine Balchs „waste knot” sowie Tania Leóns Liederzyklus „Singin’ Sepia”.

19:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Kammerkonzert

Ensemble Modern II

Porträt Ruth Crawford Seeger: Ensemblemusik

Ensemble Modern
David Niemann – Leitung


Katherine Balch (*1991): Neues Werk (2024) für Ensemble
Johanna Magdalena Beyer (1888 – 1944): Suite aus verschiedenen Kammermusikwerken, zusammengestellt von Hermann Kretzschmar
Ruth Crawford Seeger (1901 – 1953):
Suite Nr. 1 (1927) für fünf Bläser und Klavier
Suite Nr. 2 (1929) für Streicher und Klavier
Music for Small Orchestra (1926)
Rissolty Rossolty (1939 – 41) für Orchester
Tania León (*1943):
Hechízos (1995) für Kammerorchester
Rítmicas (2019) für Kammerorchester

In diesem Programm stellt das Ensemble Modern die großen Ensemblestücke der US-amerikanischen Komponistin Ruth Crawford Seeger vor, die die Experimentierlust und den Mut zu den unbeschrittenen Wegen der 1920er-Jahre atmen. Die weiteren Werke des Porträt-Konzerts werfen aber auch Schlaglichter auf die Gegenwart und zeigen, wo Seegers Ideen direkt oder indirekt weiterwirken: mit der Uraufführung einer Komposition der jungen US-Amerikanerin Katherine Balch und Tania Leóns „Ritmicas“ von 2019.

Am zweiten Abend ihrer Gesamtschau der Werke von Ruth Crawford Seeger widmet sich das Frankfurter Ensemble Modern groß besetzten Ensemblestücken: Nach der Uraufführung einer musikalischen Reflexion über Charles Ives’ „Central Park in the Dark” der US-Amerikanerin Katherine Balch folgt unter anderem Ruth Crawford Seegers ungemein poetische „Music for Small Orchestra”, die von einem nachdenklichen, in sich gekehrten Einleitungssatz im Stile von Ives’ Park-Porträt eingeleitet wird. Was folgt ist ein bewegtes Finale, das seiner Bezeichnung „In roguish humor“, in schelmischem Humor, alle Ehre macht. Zudem steht die 1941 für die CBS komponierte Orchesterfantasie „Rissolty, Rossolty” auf dem Programm, in der Ruth Crawford Seegers Arbeit als Volksmusikforscherin Spuren hinterlassen hat. Allerdings jongliert die Komponistin hier immer wieder mit allen möglichen Folklore-Themen gleichzeitig, um sie in anspruchsvoller Polyphonie übereinanderzuschichten. Auch in seinem zweiten Konzert stellt das Ensemble Modern dem bemerkenswerten Schaffen Ruth Crawford Seegers Werke der aus Kuba stammenden US-amerikanischen Komponistin und Dirigentin Tania León an die Seite, in deren selbstbewusst eigenwilligen Arbeiten unterschiedlichste Traditionen ineinanderwirken. In ihrem fünfsätzigen Orchesterstück „Ritmicas” ist der Titel Programm, da das Ganze von einem „Regenbogen polyrhythmischer Erfindungen“ (León) durchwebt wird: Musik, die durch den kubanischen Komponisten, Geiger und Dirigenten Amadeo Roldán inspiriert wurde, der 1930 die ersten sinfonischen Stücke mit afrokubanischem Schlagwerk komponierte.

15:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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© Sima Dehgani
Konzert

Konzerthausorchester Berlin

Sarah Aristidou – Sopran
Tamara Stefanovich – Klavier
Konzerthausorchester Berlin
Joana Mallwitz – Leitung
Christina Bauer – Klangregie


Luigi Nono (1924 – 1990): Como una ola de fuerza y luz (1971/72) für Sopran, Klavier, Orchester und Tonband
Gustav Mahler (1860 – 1911): Sinfonie Nr. 4 G-Dur (1899 – 1900) für Orchester und Sopran

Gustav Mahlers Vierte ist nicht nur eines seiner beliebtesten Werke, sondern auch die Morgendämmerung der Neuen Musik – der Komponist wendet sich vom Pathos der Spätromantik ab und weist 1901 den Weg ins musikalische 20. Jahrhundert. Zuvor setzt Luigi Nono für einen chilenischen Revolutionär orchestrale Energien frei: eine Welle aus Kraft und Licht, hervorgerufen durch schieren Klang.

Mit „Como una ola de fuerza y luz“ (Wie eine Welle aus Kraft und Licht) komponierte Luigi Nono ein weltliches Requiem für Luciano Cruz Aguayo, einen der Mitbegründer der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) in Chile, der 1971 bei einem Unfall ums Leben kam. Ein mit ausgefeilten postseriellen Kompositionstechniken realisierter Klagegesang voller musikalischer Spannungen, in dem sich die im Titel erwähnte „Welle“ auf Mikroschwankungen von Tonhöhen, Rhythmen und Klangfarben beziehen lässt. Das von Joana Mallwitz dirigierte Konzerthausorchester Berlin widmet sich Nonos bewegendem Lamento, das im zweiten Teil auf ein zukünftiges Handeln abzielt, das aus dem tragischen Verlust erwachsen könnte. Es singt die Sopranistin Sarah Aristidou, am Flügel nimmt Pianistin Tamara Stefanovich Platz. Symphonisches Hauptwerk des Abends ist Mahlers 4. Sinfonie, die in den Worten des Komponisten beginnt, als ob die Musik nicht „bis drei zählen könne“, um anschließend „gleich ins große Einmaleins“ zu wechseln. Im spukhaften Scherzo, mit seiner um einen Ganzton höher gestimmten Solovioline, streicht der Tod „absonderlich die Fidel und geigt uns zum Himmel hinauf“, wie der Komponist und Dirigent Bruno Walter es beschreibt. Nach einem ruhevollen Adagio endet die Sinfonie mit einer seltsamen (weil in sich nicht stimmigen) Paradiesvision des „Wunderhorn“-Lieds „Wir genießen die himmlischen Freuden“. Gustav Mahler sagt, es sei „die Heiterkeit einer höheren Welt darin, die für uns etwas Schauerlich-Grauenvolles hat“.

19:00, Einführungsveranstaltung

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Konzert

EXAUDI

Late Night: a cappella

EXAUDI
James Weeks – Leitung


Orlando di Lasso (ca. 1532 – 1594): Timor et tremor, Ausgewählte Motetten aus dem zwölfteiligen Zyklus Prophetiae Sibyllarum
Cipriano de Rore(ca.1515 – 1565):
Calami sonum ferentes
Da le belle contrade d’oriente
Vicente Lusitano (ca. 1522 – nach 1561) : Heu me Domine
Nicola Vicentino (1511 – 1576):
Hierusalem’
Musica prisca caput, Drei Madrigal-Fragmente: Soave e dolce ardore – Dolce mio ben – Madonna, il dolce pianto
Luca Marenzio (1553 – 1599):
O voi che sospirate
Solo e pensoso
Luzzasco Luzzaschi (ca.1545 – 1607): Quivi sospiri

Faszinierend fragile Klangbilder: EXAUDI ist eines der weltweit führenden Vokalensembles mit einer ausgeprägten Affinität für die extremen Ränder neuer und alter Musik. Zu später Stunde sind die Sänger*innen nun auch beim Musikfest Berlin zu erleben, und das mit chromatisch spektakulär angereicherter Renaissance-Musik. Mit dem Sänger der päpstlichen Kapelle und Musiktheoretiker Vicente Lusitano ist außerdem ein Künstler vertreten, der heute als mutmaßlich erster in Europa verlegter Schwarzer Komponist gilt.

Das erste Stück des Abends, Orlando di Lassos Motette „Timor et Tremor“ (Furcht und Zittern), erfordert mit seinem expressiven chromatischen Einstieg höchste Vokalkunst. Was natürlich auch für die „Prophetiae Sibyllarum“ gilt: Vertonungen antiker Sibyllen-Weissagungen, die auf die Geburt des christlichen Erlösers hinzudeuten scheinen, weshalb sie im 9. Jahrhundert Eingang in die Liturgie fanden. Für weitere Höhepunkte sorgen auch die Motetten Luca Marenzios, Cipriano de Rores sowie die seines Schülers Luzzasco Luzzaschi, wobei das „Heu me Domine“ von Vicente Lusitano für eine besondere Entdeckung sorgen dürfte. Der Sänger der päpstlichen Kapelle wurde als Sohn eines Portugiesen und einer Afrikanerin geboren und ist eine der ersten komponierenden Persons of Color, deren Werke gedruckt wurden. Absolute sängerische Höchstleistungen erfordern schließlich die Madrigalfragmente von Nicola Vicentino, in denen der italienische Renaissance-Meister die chromatischen und enharmonischen Traditionen der antiken Musiktheorie in freier Weise auf die mehrstimmige Musik übertrug, was de facto zu einer fünfteltönigen Stimmung führte, deren allerfeinsten Schwebungen für faszinierend fragile Klangbilder sorgen.

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Kammerkonzert

Ensemble Modern III

Ensemble Modern

Ruth Crawford Seeger (1901 – 1953):
Streichquartett (1931)
Sonate (1926) für Violine und Klavier
Klaviersonate (1923)
9 Preludes (1924 – 28) für Klavier
Piano Study in Mixed Accents (1930)
Little Waltz (1922) für Klavier
Little Lullaby (1923) für Klavier
Jumping the Rope (Playtime, 1923) für Klavier
Caprice (1923) für Klavier
Whirligig (1923) für Klavier
Mr. Crow and Miss Wreng go for a walk - a little study in short trills (1923) für Klavier
Fünf Kanons (1924) für Klavier
Kaleidoscopic Changes on an Original Theme Ending with a Fugue (1924)
We Dance Together (1926) für Klavier
Theme and Variations (1923) für Klavier
Suite (1952) für Bläserquintett
Diaphonic Suite Nr. 1 (1930) für Oboe oder Flöte solo
Diaphonic Suite Nr. 2 (1930) für Fagott und Violoncello
Diaphonic Suite Nr. 3 (1930) für zwei Klarinetten
Diaphonic Suite Nr. 4 (1930) für Oboe und Violoncello

Kammermusik zur Matinée – hier aber als besonderes Ereignis: Mit einer strikt choreographierten Konzertdramaturgie kommt das Ensemble Modern der Vielzahl experimenteller Formen auf die Spur, die die Komponistin Ruth Crawford Seeger in ihrer kurzen Karriere in den Zwischenkriegsjahren anwandte, vom dissonanten Konterpunkt zur Reihentechnik. Der dritte Teil der Porträt-Reihe stellt das kammermusikalische Schaffen der US-Komponistin vor.

Die junge Ruth Crawford studierte am American Conservatory of Music in Chicago Klavier und Komposition, wobei kein Geringerer als Komponist Henry Cowell dafür sorgte, dass sein früherer Lehrer Charles Seeger sie 1929 als Schülerin annahm. Noch im selben Jahr erhielt die angehende Komponistin als erste Frau ein Guggenheim-Stipendium für einen einjährigen Aufenthalt in Europa, wo sie bekannte Größen wie Alban Berg, Béla Bartók, Josef Matthias Hauer, Arthur Honegger, Albert Roussel und Nadia Boulanger traf. In die USA zurückgekehrt, heiratete Ruth Crawford Charles Seeger, mit dem sie Tausende von Aufnahmen aus dem Volksliedarchiv der Library of Congress transkribierte. Waren ihre frühen Werke noch von Neoromantik und Impressionismus geprägt, wandte sie sich mit Beginn ihres Studiums bei Seeger dessen Kompositionsmethode nach den Regeln des „dissonant counterpoint“ zu. Letztere stellen die traditionellen Regeln des Kontrapunkts insofern auf den Kopf, als dass hier Konsonanzen als Dissonanzen weitergeführt werden, wobei der Dissonanzbegriff auch auf wechselnde Metren und Taktarten bezogen werden kann. Seit dieser Zeit arbeitete Crawford Seeger auch mit Reihentechnik, Tonclustern, Sprechstimme, rhythmischer Unabhängigkeit der Stimmen, räumlich voneinander getrennten Klanggruppen und diversen anderen experimentellen Verfahren. Am dritten und letzten Tag der Ruth Crawford Seegers Gesamtschaffen gewidmeten Konzerte präsentiert das Ensemble Modern das breite Spektrum kammermusikalischer Arbeiten der Komponistin, das in einem Ablauf von unterschiedlichen im Saal verteilten Kammerensembles gespielt wird.

10:10, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Kammerkonzert

Kammermusik der Berliner Philharmoniker

Johanna Pichlmair – Violine
Angelo de Leo – Violine
Tobias Reifland – Viola
Solène Kermarrec – Violoncello
Andraž Golob – Klarinette


Wolfgang Rihm (*1952): 4 Studien zu einem Klarinettenquintett (2002)
Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791): Klarinettenquintett A-Dur KV 581 (1789)

Wenn Wolfgang Rihms „4 Studien zu einem Klarinettenquintett“ auf Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenquintett in A-Dur treffen, anknüpfend an die Aufführung von Brahms’ Klarinettenquintett am 31. August beim Musikfest Berlin, begegnen sich zwei Komponisten mit großer Fantasie und Gestaltungswillen, die die traditionsreiche Besetzung mit lyrischer Intensität kolorieren.

Eine Besetzung mit großer Vergangenheit – angefangen bei Wolfgang Amadeus Mozart und Carl Maria von Weber über Johannes Brahms und Max Reger bis hin zu Paul Hindemith, Harrison Birtwistle und Isang Yun: Klarinettenquintette umgibt eine besondere Aura, weshalb Wolfgang Rihm seinen eigenen Gattungsbeitrag bescheiden als „Studien“ bezeichnete – obwohl das Werk durchaus mehr ist, wie schon die ausladenden Proportionen zeigen.In ihm lotet Rihm alle nur erdenklichen Konstellationen der traditionsreichen Besetzung mit überbordender Fantasie aus: angefangen vom dialogischen Miteinander über Phasen motorischer Energie, die mehrfach von atemlosem Innehalten unterbrochen werden, einer Abfolge von Charakterstücken inklusive „Lied“ und „Choral“ bis hin zu einer fesselnden lyrischen Intensität, die mit ihrer einander umschlingenden und miteinander verschmelzenden Linienführung auf die großen Vorgänger-Werke verweist. Johanna Pichlmair, Angelo de Leo, Tobias Reifland, Solène Kermarrec und Andraž Golob, allesamt Mitglieder der Berliner Philharmoniker, stellen Rihms „Vier Studien zu einem Klarinettenquintett“ Mozarts berühmtem Klarinettenquintett A-Dur KV 581 gegenüber, einem Werk, in dem die Klarinette dem Quartett von zwei Violinen, Viola und Violoncello fast konzertierend gegenübertritt – in den Worten des Mozart-Verehrers Richard Strauss gibt ihr farblich subtiler Gesang die „ganze Skala des menschlichen Empfindens“ wider. Allerdings wird diese Führungsrolle nie besonders hervorgehoben, da sich das Holzblasinstrument mit anschmiegsam-weichem Klang in perfekter Balance in das Ganze einfügt, weshalb von Anfang an harmonisches Einverständnis zwischen allen Akteuren herrscht.

16:30, Ausstellungsfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

Wiener Philharmoniker

Wiener Philharmoniker
Christian Thielemann – Leitung


Robert Schumann (1810 – 1856): Symphonie Nr. 1 B-Dur, Op. 38 „Frühlingssymphonie“ (1841)
Anton Bruckner: Symphonie Nr. 1 c-Moll „Wiener Fassung“ (1890/91)

Zum ersten Mal besuchen die Wiener Philharmoniker das Musikfest Berlin. Das Orchester, dessen musikalische Identität einzigartig ist, spielt unter der Leitung von Christian Thielemann Robert Schumanns „Frühlingssymphonie“ und zum Bruckner-Jahr 2024 dessen Erste Symphonie.

Dass der Klang der Wiener Philharmoniker besonders ist, wurde empirisch belegt: 2002 spielte man rund 1200 Testpersonen handelsübliche CD-Aufnahmen der Wiener, Berliner und New Yorker Philharmoniker vor – Laien, Orchestermusikern und internationalen Top-Dirigenten wie Zubin Mehta oder Seiji Ozawa. Dabei wurden die Besonderheiten des „Wiener Klangstils“ mit seinem breit gefächerten Farbenspektrum klar erkannt. Denn die Wiener Musiker haben nicht alle instrumententechnischen Neuerungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitgemacht, die auf größeres Klangvolumen und leichtere Spielbarkeit abzielten. Christian Thielemann, der mit dem Orchester auch eine Bruckner-Edition eingespielt hat, steht regelmäßig am Pult der Wiener Philharmoniker, die nun erstmals beim Musikfest Berlin zu Gast sind. Aufs Programm gesetzt hat er die „Frühlingssymphonie“ von Robert Schumann, die für Thielemann zum Kernrepertoire der Romantik zählt. Nach der Pause folgt Bruckners Erste, in der der Komponist vom Kanon der symphonischen Regeln abweicht, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, bis das Ganze buchstäblich aus den Fugen gerät. Der Bruckner-Schüler Rudolf Louis befand, das Werk sei „durchflutet von einer beispiellosen Lebens- und Schaffenskraft und voll genialster Einfälle“. Kein Wunder, dass Bruckners Erste in ihrer endgültigen Version 1891 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde – übrigens von den Wiener Philharmonikern und unter der Leitung von Hans Richter.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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Konzert

BigBand und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Fola Dada – Rezitation und Vocals
Tony Lakatos – Saxofon
BigBand der Deutschen Oper Berlin
Manfred Honetschläger – Leitung
Orchester und BigBand der Deutschen Oper Berlin
Titus Engel – Leitung


Edward Kennedy „Duke“ Ellington (1899 – 1974):
Caravan (1937, gemeinsam mit Juan Tizol)
Mood Indigo (1931)
Perdido (1942, gemeinsam mit Juan Tizol)
In a Sentimental Mood (1935)
The Jeep Is Jumpin (1938)
Black and Tan Fantasy (1927)
Almost Cried (1959)
The River – A Ballet Suite (1970) für Big Band
HARLEM (1950)
Night Creature (1963) für Jazz Band und Orchester

Duke Ellington / Manfred Honetschläger (*1959): The Famous Duke (2024) für Big Band und Orchester, Uraufführung

Duke Ellingtons Name steht fast synonym für den Sound der Big Band-Ära. Zu Ellingtons 125. Geburtstag und 50. Todestag – ein double-anniversary wie im Fall von Charles Ives – widmet ihm die BigBand der Deutschen Oper Berlin eine Hommage: Neben seinen größten Hits gibt es die Uraufführung der Suite „The Famous Duke“ von Manfred Honetschläger.

Er prägte ab den 1920er-Jahren mit seiner Band den Sound des Jazz und steht heute selbstverständlich in der Reihe der ganz großen Musiker der USA im 20. Jahrhundert: Das Musikfest Berlin widmet dem Bandleader, Komponisten und Pianisten Edward Kennedy „Duke“ Ellington gemeinsam mit der Bigband der Deutschen Oper Berlin einen Abend, der seine Musik und seine Zeit auferstehen lässt, aber auch die Einflüsse aufgreift, die Duke Ellington bis heute im Jazz hinterlässt. Einige seiner größten Hits der Big Band-Ära stehen ebenso auf dem Programm wie Kompositionen seiner späteren Schaffensphase, etwa „Night Creatures“ und „A Tone Parallel to Harlem“: Werke, mit denen er zu einem der Gründungsväter des „Third Stream“ wurde, jener ur-amerikanischen Verbindung des Jazz mit Elementen europäischer Sinfonik und klassischer Moderne. Gespielt werden sie, unter der Leitung von Titus Engel, gemeinsam von Orchester und BigBand der Deutschen Oper Berlin. Zudem bringen sie Manfred Honetschlägers groß besetzte Suite „The Famous Duke“ zur Uraufführung. Im Werk des Jazz-Posaunisten und Komponisten, der auch die musikalische Leitung des Abends innehat, werden wie bereits im ersten Programmteil die beiden Solist*innen des Abends zu erleben sein: Tony Lakatos gehört zu den wichtigsten europäischen Jazz-Saxofonisten – und unter diesen mithin als der, dessen Spiel am tiefsten von amerikanischen Jazz-Traditionen durchtränkt ist. Den Gesang übernimmt Fola Dada, die 2022 den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie Vocals erhielt und an den Musikhochschulen in Mannheim, Stuttgart und Nürnberg unterrichtet.

19:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Wisanu Boonrawd / Alamy Stock Foto
Konzert

Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Raphael Haeger, Jan Schlichte– Schlagzeug
Kirill Gerstein – Klavier
Stefan Dohr – Horn
Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle – Leitung


Olivier Messiaen (1908 – 1992): Des Canyons aux étoiles ... (1971) für Klavier, Horn, Xylorimba, Glockenspiel und Orchester

Das Musikfest Berlin zieht mit der Karajan-Akademie unter Simon Rattle durch die roten Schluchten der Canyons in Utah und hinauf zu den Sternen: Olivier Messiaens „Des Canyons aux étoiles …“ ist ein Geburtstagsgeschenk an die USA und zugleich eine spirituelle Hymne auf die Verwobenheit des Göttlichen mit der Natur, mit den Stimmen der Vögel und den Farbtönen des Regenbogens.

Von den amerikanischen Canyons bis zu den Sternen: Als die New Yorker Kunstmäzenin Alice Tully anlässlich des 200. Geburtstags der Vereinigten Staaten ein neues Werk bei Olivier Messiaen in Auftrag gab, ahnte sie wohl, dass sie keinen Hymnus auf die USA erhalten würde. Stattdessen komponierte der gläubige Katholik „Des Canyons aux étoiles …“, um „Gott in seiner gesamten Schöpfung zu verherrlichen“, mit allen „Schönheiten der Erde (ihren Felsen und dem Gesang der Vögel) und den Schönheiten des physischen und des spirituellen Himmels“. Hierfür ließ sich Messiaen von der spektakulären Natur des Landes inspirieren, reiste zu den Cedar Breaks und zum Bryce Canyon, dem „größten Wunder von Utah“, einem „Kessel aus roten, orangefarbenen und violetten, fantastisch geformten Felsen: Schlösser, viereckige und dickbäuchige Türme, natürliche Fenster, Brücken, Statuen, Säulen, ganze Städte, dann und wann ein tiefes schwarzes Loch“. Mit dem abendfüllenden Werk, dessen Klangfarben „alle Farbtöne des Regenbogens“ enthalten und in den Worten des synästhetisch veranlagten Komponisten „um das Blau des [amerikanischen Singvogels] Steller’s Jay und das Rot des Bryce Canyon“ kreisen, lassen Sir Simon Rattle und die jungen Musiker*innen der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker das diesjährige Musikfest Berlin ausklingen, bevor am nächsten Tag der RIAS Kammerchor mit Anton Bruckner den Schlussklang setzt. Stefan Dohr, Solo-Hornist der Philharmoniker, übernimmt den diffizilen „Appel interstellaire”, mit dem das Horn den zweiten Teil des Werks einleitet. Kirill Gerstein nimmt am „Vogel-Klavier“ Platz, das, erklärt Messiaen, zugleich ein „Orchester-Klavier“ ist.

19:10, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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© Otto Böhler
Kammerkonzert

RIAS Kammerchor Berlin

Johanna Winkel – Sopran
Catriona Morison – Mezzosopran
Martin Mitterrutzner – Tenor
Arttu Kataja – Bariton
RIAS Kammerchor Berlin
Akademie für Alte Musik Berlin
Łukasz Borowicz – Leitung


Anton Bruckner (1824 – 1896):
Ouvertüre g-Moll WAB 98
Ecce sacerdos magnus WAB 13 für gemischten Chor, drei Posaunen und Orgel
Ave Maria WAB 6 für siebenstimmigen Chor a cappella
Psalm 112 WAB 35 für gemischten Chor und Orchester
Messe Nr. 1 d-moll WAB 26 für Solisten, gemischten Chor und Orchester

2024 ist Bruckner-Jahr. Dabei denkt die Klassik-Welt sicher zunächst an den Sinfoniker oder aber an seine monumentalen sakralen Werke. Deutlich weniger bekannt hingegen sind seine Werke für den liturgischen Gebrauch. Der RIAS Kammerchor begibt sich gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik Berlin auf Entdeckungsreise und präsentiert neben einigen kleineren Werken die Messe Nr. 1 in d-Moll – mit dem Ziel, dem ursprünglichen Klangerlebnis der Entstehungszeit durch eine deutlich verschlankte Besetzung auf die Spur zu kommen.

Als tiefreligiöser Katholik hat Anton Bruckner die Geheimnisse des Glaubens zum zentralen Thema seiner Musik gemacht. Natürlich komponierte er zu Beginn seiner Laufbahn als Linzer Domorganist auch zahlreiche geistliche Vokalwerke wie etwa den „Psalm 112“ WAB 35 oder das siebenstimmige „Ave Maria“ WAB 6, in dem sich sein besonderes Gespür fürs Monumentale bereits Bahn bricht. Mit seiner Messe d-Moll ließ Bruckner dann den gängigen Bereich des funktionsbezogenen sakralen Komponierens endgültig hinter sich, da Dimension und Formgestaltung alles übertraf, was man bis dahin im Linzer Musikleben gehört hatte. Dabei werden in jedem der einzelnen Werkteile die im „Kyrie“ exponierten Motive menschlicher Angst und Verzweiflung buchstäblich aufgelöst, bevor das Ganze mit einem besinnlichen Nachspiel endet. Der RIAS Kammerchor gibt, begleitet von der Akademie für Alte Musik Berlin und gemeinsam mit einem international renommierten Solistenensemble, Einblicke in Bruckners frühes Schaffen als Kirchenmusiker, wobei auch seine späte Motette „Ecce sacerdos“ WAB 13 auf dem Programm steht, in deren ekstatische Musik dem Komponisten Anklänge an Wagners „Parsifal“ hineingerieten. Eingeleitet wird der Abend mit der selten zu hörenden Ouvertüre g-Moll WAB 98, die Bruckner noch während seines Unterrichts bei Otto Kitzler schrieb: Musik, die im leidenschaftlichen Tonfall von Wagners „Tristan“-Vorspiel beginnt, doch ganz anders als dieses mit plötzlichen Tuttiausbrüchen und ebenso plötzlichen Rücknahmen ins Pianissimo überrascht.

19:15, Südfoyer Einführungsveranstaltung

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4

Musikfest Berlin

Berliner Festspiele

24.8. bis 17.9.2024

Das Musikfest Berlin versteht sich als ein Forum für die innovative künstlerische Arbeit der großen Orchester und Ensembles im Bereich der klassischen und modernen Musik. Es präsentiert ein ambitioniertes Festivalprogramm mit wechselnden Schwerpunkten.

Das Orchesterfestival der Berliner Festspiele – veranstaltet in Kooperation mit der Stiftung Berliner Philharmoniker – bildet jeweils im Spätsommer den spektakulären Auftakt der Berliner Konzertsaison. Internationale Spitzenorchester, Instrumental- und Vokalensembles präsentieren gemeinsam mit den großen Symphonieorchestern der Stadt Berlin ein ambitioniertes Festivalprogramm mit jeweils wechselnden thematischen Schwerpunkten.

Das Orchester gehört – neben Oper, Theater und Kino – zu den komplexesten, größten und vielgestaltigsten „Maschinen“, die die abendländische Kultur zur Herstellung von Vorstellungen und Emotionen hervorgebracht hat. Die Vielfalt der heute bestehenden Orchesterformationen hat sich unter dem Einfluss der modernen Technologien und in Kenntnis der historischen Aufführungspraxen wesentlich erweitert. Das rund dreiwöchige Festival widmet sich daher nicht nur dem symphonischen Repertoire, sondern insbesondere den bedeutenden, raren, vergessenen, ungewöhnlichen und neuen Werken aus Geschichte und Gegenwart. Das Musikfest Berlin versteht sich als ein Forum für die innovative künstlerische Arbeit der großen Orchester und Ensembles des internationalen Musiklebens.

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Philharmoniker.

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Bewertungen & Berichte Musikfest Berlin

Ereignisse / Festspiele Salzburger Festspiele 19.7. bis 31.8.2024
Ereignisse / Festspiele Wiener Festwochen 17.5. bis 23.6.2024
Ereignisse / Festival Lucerne Festival 13.8. bis 15.9.2024
Ereignisse / Festival Gstaad Menuhin Festival 12.7. bis 31.8.2024
Ereignisse / Festival Schumannfest Düsseldorf 24.5. bis 23.6.2024
Ereignisse / Festival Brühler Schlosskonzerte 11.5. bis 25.8.2024
Ereignisse / Festspiele Tiroler Festspiele Erl 4. bis 28.7.2024
Ereignisse / Festspiele Bregenzer Festspiele 17.7. bis 18.8.2024
Ereignisse / Festival Hohenloher Kultursommer 1.6. bis 29.9.2024
Ereignisse / Festival Nymphenburger Sommer München 7.6. bis 7.7.2024
Ereignisse / Festival Summerwinds Münsterland vom 21.6. bis 1.9.2024
Ereignisse / Festival ImpulsTanz Wien 11.7. bis 11.8.2024
Ereignisse / Festival MDR Musiksommer 2. bis 31.8.2024
Ereignisse / Festival Young Euro Classic Berlin 9. bis 25.8.2024
Ereignisse / Theater Shakespeare Company Berlin Sommertheater am Insulaner
Ereignisse / Festival MeetMUSIC Open Air 6.6 bis 17.8.2024
Ereignisse / Festival Choriner Musiksommer 22.6. bis 25.8.2024
Ereignisse / Festival Musikfest Berlin 24.8. bis 17.9.2024
Ereignisse / Festival Festival Herbstgold Eisenstadt 11. bis 22.9.2024
Ereignisse / Festival Höri Musiktage Bodensee 8. bis 18.8.2024
Ereignisse / Tanz Dresden Frankfurt Dance Company Dresden / Frankfurt
Ereignisse / Festival Internationales Musikfest Hamburg 26.4. bis 16.6.2024
Ereignisse / Tanz Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Opernhaus Wuppertal
Ereignisse / Messe ViennaContemporary 12. bis 15.9.2024
Ereignisse / Festival Festival-Mediaval in Selb 6.9. bis 8.9.2024
Ereignisse / Festival Leitheimer Schlosskonzerte 22.6. bis 13.10.2024
Ereignisse / Festival Int. Gitarren-Festival Iselohn 28.7. bis 3.8.2024
Ereignisse / Festival Sommermusik im oberen Nagoldtal 30.7. bis 9.8.2024
Ereignisse / Ausstellung Nordart im Kunstwerk Carlshütte 1.6. bis 6.10.2024
Ereignisse / Konzert Styriarte Graz 21.6. bis 21.7.2024
Konzerte / Konzert Tonhalle Düsseldorf Düsseldorf, Ehrenhof 1
Literatur / Kulturveranstaltung Literaturhaus Salzburg Salzburg, Strubergasse 23
Konzerte / Konzert Philharmonie Luxembourg Luxembourg, 1, Place de l'Europe
Literatur / Wettbewerb Literarischer März Darmstadt 22.3.2025
Familie+Kinder / Theater Junges Theater Münster Münster, Neubrückenstraße 63
Aufführungen / Oper Staatsoper Hannover Hannover, Opernplatz 1
Literatur / Museum Robert Walser-Zentrum Bern Bern, Marktgasse 45
Aufführungen / Oper Staatstheater Kassel Kassel, Friedrichsplatz 15
Aufführungen / Theater Theater Bonn Bonn, Am Boeselagerhof 1
Aufführungen / Theater Theater Konstanz Konstanz, Konzilstraße 11
Konzerte / Konzert Gewandhaus zu Leipzig Leipzig, Augustusplatz 8
Aufführungen / Oper Staatsoper Stuttgart Stuttgart, Oberer Schloßgarten 3
Aufführungen / Oper Semperoper Dresden Dresden, Theaterplatz 2
Familie+Kinder / Freizeitpark Kulturinsel Einsiedel
Aufführungen / Kabarett Die Wühlmäuse Berlin
Ereignisse / Wettbewerb Neue Stimmen Wettbewerb Güthersloh

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